Embrace the bubble?

Anfang der Woche, 16.12., zitierte Markus Koch in der „Opening Bell“ einen Rat des Magazin Barron’s, das in den USA als das beliebteste Medium für Privatanleger gilt, entsprechend meinungsstark und einflussreich ist es. Am Freitag, den 13.12., gab es seiner Leserschaft für die kommende Zeit Folgendes mit auf den Weg: „Umarme die Blase“, genauer gesagt sogar „die sich ausdehnende Blase“, bekräftigt durch die Voraussage, dass der Aktienmarkt 2025 um weitere 25% steigen könnte. Im Original:

„Why the Stock Market Could Gain Another 20% in 2025. Wall Street’s market forecasts are too tepid. The S&P 500 could rally next year on a combination of AI growth and deregulation. But investors should prepare for a wilder ride. The stock market is surging as the year winds down, and shows no sign of slowing in 2025. Investors should embrace the expanding bubble.“
Barron’s Magazine, 13.12.2024

KI und Deregulierung. Darüber hinaus gibt es für Barron’s offensichtlich nichts von Belang. Inflation, Trumpsche Zollpolitik, geopolitische Risiken, wenn interessiert’s. An solchen Parolen, die ungeschützt auf Privatanleger losgelassen werden, ist es nicht schwer zu erkennen, wie toxisch die Finanzberichterstattung ist – und das gilt nicht nur für Amerika. Angefeuert von derlei Aussichten haben vermutlich noch am Freitag Privatleute ihr dummes Geld in Aktien gesteckt, die schon seit Monaten zu teuer sind, um auf den letzten Drücker noch beide Arme fest um die Blase zu legen.

Am Freitag, 20.12., genau eine Woche nach der Aufforderung zur Blasenumarmung, hat der Markt einen Mini-Crash erlitten. Gegen Mittag wurde es rasant blutrot. Schlechte Nachrichten und Kommentare aus allen Ecken. China-Schwäche, Japan-Zinsenttäuschung, steigende Inflation in Europa und als Fear-Häubchen obendrauf die Angst vor einem Shut-Down in den USA. Der Cocktail aus Sorgen und Zweifeln traf ausgerechnet auf den Großen Hexensabbat, dem Verfallstag für alle möglichen Derivate-Deals, die kein Privatanleger je verstehen kann und, wer weiß, ob Institutionelle da noch durchblicken. Bitcoin stand kurzfristig unter 90.000€. Das Angstbarometer stürzte rasant nach unten.

Eingeleitet wurde die rote Welle bereits Mittwochabend, ausgelöst durch die FED-Sitzung, die zwar die erwartete Zinssenkung von 25 Basispunkten bescherte, aber durch verwirrende Aussagen von Jerome Powell bezüglich weiteren Senkungen in 2025 und einer wiederaufkeimenden Inflationsangst den Bären in Mr. Market weckte. Davor waren ihm die grottigen Zahlen des KI-Hoffungsträgers Micron Technology schlecht bekommen, vor allem nach den bereits bestehenden Zweifeln, die vergangene Woche an NVIDIA aufgekeimt waren.

Auch, wenn nach dem Schock, wie so oft, die Buy-the-Dip-Mechanismen wieder ansprangen und der Markt sich zum Börsenende hin wieder beruhigte, so ist die Angst geblieben. Von 20 ging es auf 28, aus Extrem Fear ist Fear geworden. Für mich sind diese Ausschläge immer wieder ein Warnsignal und sie trüben mein Vertrauen in „den Markt, der immer recht hat.“ Die Kräfte, deren Ursprung ich mir nur so erklären kann, dass Algorithmen in Sekundenbruchteilen riesige Orders auslösen, sind einigermaßen furchteinflößend, vor allem die Geschwindigkeit, in der das passiert. Die Undurchsichtigkeit solcher Events wird von den „Experten“ stets mit einem Begriff kommentiert: Gewinnmitnahmen. Das zieht immer, wenn keiner irgendwas weiß.

Nun sind es nur noch wenige Handelstage in 2024, in denen einiges passieren kann. Genau so gut kann natürlich gar nichts mehr passieren. Worauf ich persönlich nicht wetten würde, besonders mit Blick auf den Bitcoin, der sich nach dem Schock zwar wieder gefangen hat, aber aktuell weiter vor sich hin bröckelt.

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