DAX lass nach.

„Schwächster Börsenmonat des Jahres startet.“ Das ist die Leuchtturmbotschaft des Tages. Sie wird seit zwei Wochen bereits auf sämtlichen Kanälen so oder so ähnlich wiederholt. Die Aussage fällt in die Kategorie „historisch betrachtet“, in der sich alle möglichen Statistiken tummeln, auf die sich Finfluencer gerne beziehen, ganz so als sei das eine wissenschaftliche Tatsache mit zeitunabhängigem Vorhersagewert.

Dazu gesellt sich heute eine weitere Schlagzeile aus der Welt der Aktienkurse – neben all den hauptsächlich ernüchternden politisch-gesellschaftlichen Schlagzeilen rund um den Wahlausgang in Sachsen und Thüringen – die wiederum lautet:

„DAX will die 19.000 sehen.“

Kombiniert bedeutet das wohl, dass der DAX, dessen Punktestand im Hinblick auf den realen Zustand der deutschen Wirtschaft kein normaler Mensch verstehen kann, ausgerechnet im überall ausgerufenen „schlechtesten Börsenmonat des Jahres“ einen neuen Rekord anpeilen soll.

Und was mache ich daraus? Weiterhin erstmal: Gar nichts.

Wait and see. Don’t hear!

Denn Hören, also das Hören von Podcasts, habe ich inzwischen tatsächlich nahezu eingestellt. Abends Handelsblatt Today, morgens die Closing Bell des Vortags, ab und an den Aktientalk, viel mehr lasse ich nicht in mein System. Was den lieben langen Tag von Hinz und Kunz erklärt und kommentiert und (ohne eine Empfehlung sein zu wollen) empfohlen wird… Ich kann es auch im übertragenen Sinne nicht mehr hören. Je mehr ich in den vergangenen Jahren davon konsumiert habe, umso mehr sträuben sich mir die Haare, mit welch bornierter (Selbst-) Sicherheit tagtäglich neue Behauptungen aufgestellt werden. Subjektive Bewertung für den Moment, mehr ist es nicht.

In den letzten Wochen musste ich oft an die Aussagen des vom Handelsblatt gehypten „Börsenexperten“ Ulf Sommer denken, der noch vor anderthalb Jahren mit arroganter Weissagungsaura darlegte, dass der US-Drogerie-Riese Walgreens Boots einen Substanzwert im Portfolio bilden würde, da das Unternehmen über gute Kennzahlen und ein nachhaltiges Geschäftsmodell verfüge, dazu ein absolut zuverlässiger Dividendenzahler sei. Damals hat die Aktie um die 33,00€ gekostet, aktuell notiert sie bei 8,40€ und die Dividende wurde kürzlich halbiert. Eines von vielen Beispielen, auf das, was geredet wird, nicht allzu viel zu geben.

Weghören, statt dessen beobachten, was die Kurse machen und versuchen, sich selbst ein Bild zu verschaffen. Ein Bild, dass nie mehr als eine Skizze sein kann, aber für einen selbst so stimmig sein muss, dass man den Glauben beim ersten Einknicken nicht sofort verliert. Noch wichtiger: Akzeptieren, dass der Aktienmarkt mit der realen Welt nicht viel zu tun hat, ja sogar häufig entkoppelt von ihr agiert. Man muss es akzeptieren, obwohl man es nicht versteht. Das ist mein Learning. Oft frage ich mich: Ist an der Börse am Ende alles nur Gefühl? Zumindest für das Dumme Geld, dem die Mechanismen des Smarten Geldes ewig verborgen bleiben werden.

However… Da NVIDIA mir am vergangenen Mittwoch nicht den Gefallen getan hat, schlechte Zahlen zu liefern, ging die Party erstmal weiter. Die Ergebnisse, die der KI-Chip-Jesus vorlegte, waren so gut, wie der Markt erwartet hatte, aber nicht noch besser, was wohl die eigentliche Erwartung gewesen ist. Deshalb ging der Kurs seitdem etwas zurück. Aber die Ergebnisse waren insgesamt wohl mehr als gut genug, um den Optimismus im Gesamtmarkt aufrecht zu erhalten. Die Analysten tragen ihren Teil dazu bei. Alles top bei NVIDIA. Is‘ klar.

Heute, am ersten Wochentag des Looser-Monats setzen die Amerikaner erstmal eine Runde aus… Jeder erste Montag im September ist dort Labour Day, der Tag der Arbeiterbewegung. Der Markt zeigt sich wenig bewegt. Der DAX scheint das 19.000-Stöckchen, das die Experten ihm hinhalten, zu ignorieren. Ein Ende der Erholung wäre sehr erholsam.

Ein Kommentar

  1. …das ist wohl wahr. All diese Experten sind auch nur „kleine nackte Menschen“, die sich irgendwas für den Moment zusammenreimen und schon die Erklärung dafür parat haben, wenn es dann doch anders kommt – ob heute, morgen oder in einem Jahr mit minus 70%.

    Der heutige Markt wirkt eben auch nicht mehr von Menschen und deren Entscheidungen geprägt, die mit Informationen aus der F.A.Z oder dem geheimen Tipp aus irgendeiner Vorstandsetage Firmenentwicklungen bewerten und vielleicht nach dem dritten Espresso nochmal drüber nachdenken, sondern durch Millisekunden-schnelle Computerentscheidungen und digitale Analysen von Chartverläufen, sowie Spekulanten und Leerverkäufen. Da ist es manchmal doch wirklich besser den Spätsommer zu genießen statt sich zu grämen.

    In diesem Sinne, alles Gute!

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