Solange ich diese Grund-Angst in mir trage, mir mit jedem neuen Kauf womöglich wieder ein Eigentor zu schießen, werde ich versuchen, erstmal Ruhe einkehren zu lassen, in meinen Depots und vor allem: in mir. Das Starren auf Kurse hat in den vergangenen Wochen wieder viel zu viel Raum in meinem Leben eingenommen. Mir den Schlaf geraubt. So faszinierend, lehrreich und zugegebenermaßen auch hochgradig unterhaltsam das alles ist, so viel Energie, Zeit und Nerven kostet es mich. Markus Koch sagt im Trailer zu seinem YouTube-Kanal, die Börse sei „wie ein Roman, der in Echtzeit geschrieben wird…“ Und das trifft es. Für mich ist sie so etwas wie meine Lieblings-Netflix-Serie geworden. „Me and the market.“ Und im Gegensatz zu Serien, die irgendwann enden, gibt es nicht einmal ein Staffelfinale.
Einerseits bereicherte mich die Beschäftigung mit Wallstreet & Co., macht mich klüger und über die Welt informierter. Andererseits… na ja, ist es oft der pure Stress. Ob unterm Strich das Negative oder das Positive überwiegt, variiert. Und das sehr stark. Je nach Börsenphase und eigener Stimmungslage.
Angst habe ich unterschwellig irgendwie immer. Wenn die Kurse steigen, habe ich Angst, die Gewinne wieder wegschmelzen zu sehen und gerate täglich unter Druck, sie rechtzeitig mitzunehmen. Wenn es an der Börse insgesamt gut läuft, aber die Kurse der von mir gewählten Papiere sinken, während andere grün und grüner werden, bin ich frustriert, weil ich mich für die „falschen Aktien“ entschieden habe. Wenn ich eine Postion verkauft habe, treibt es mich zur Verzweiflung, wenn die Kurse anschließend weiter steigen – oder ich bei der Erholung einer Aktie zusehen muss, die ich mit Verlust rausgeschmissen habe. Jüngstes Beispiel: Neste. (Ja, Neste, nicht Nestlé.) Selten traue ich mich in einem düsteren Moment zu kaufen, also wenn der Markt aus welchem Grund auch immer Panik schiebt, wenn Kurse so weit unten sind, dass sie eigentlich nur wieder steigen können. Genau bei diesen Kauf-Chancen verharre ich in Schockstarre, getrieben von der Furcht, es könne noch viel, viel weiter runter gehen. Oder nie mehr hoch. Wenn dann kurz darauf das Gegenteil der Fall ist, sehe ich der Erholung zu, wie sie täglich rasant in Dunkelgrün stattfindet, ohne einzusteigen, weil ich dem Aufschwung nicht traue. In diesen Phasen hoffe ich jeden Tag, dass die Erholung endlich aufhört, obwohl das meine vorhandenen Aktien mit runterziehen würde. Letzteres ist mir dann lieber, als die Tatsache, dass ich bei Neukäufen nicht dabei bin. Ich gebe zu, dass sich das idiotisch anhört.
Egal, wie es läuft: Ich habe ich das Gefühl, zu versagen. Und wenn es mal läuft in meinen Depots und ich tatsächlich kleine Gewinne realisiere, wiegt die Freude darüber, den Frust selten auf. Ich denke mir dann sowas wie: Was sind die mickrigen Gewinne im Gegensatz dazu, dass ich verpasst habe, Tesla bei 160 Euro zu kaufen, die seitdem über 30% gestiegen sind, was bei meiner Position beinahe 1.000 Euro gewesen wären. (Gerade wieder passiert.)
Nicht gut, das alles, für die Seele, so insgesamt…
Um erstmal nicht mehr hinzuschauen, habe ich meine Watchlist bei Lang & Schwarz vorhin komplett gelöscht. Ehrlich gesagt sind es zwei, eine bei Safari, eine bei Google Chrome, eine mit 175 Werten, die andere mit der engeren Auswahl von 50 Werten. Jeden Nachmittag auf rot-grün blinkende Balken zu starren, ist total gaga. Und macht gaga. Ich hoffe, dass ich bis auf Weiteres Ruhe finde, indem ich laufen lasse, was ich noch habe, nichts Neues anrühre und mich vom täglichen Wahnsinn halbwegs fern halte.
P.S. (20.15) Noch am Nachmittag dieses Eintrags habe ich die Watchlisten erneut befüllt. Und über Wiederkauf von Bank of Amerika, Paypal und den Japan-Equitiy-ETF nachgedacht. Es muss Sucht sein. Ist es eine Sucht? Wahrscheinlich ja. Ich kann es jedenfalls nicht lassen…
P.P.S.: (21:30) Am Abend habe aus dem finanzen.netZERO Depot allerhand Verkäufe getätigt und damit rund 300 Euro (nach Steuern) gut gemacht. Irgendwann dachte ich: Heute ist ein Tag für Gewinnmitnahmen. BMW Vz., Deere, FMC Corp., Metaverse-ETF, Clean Energy ETF, Fanuc. Nebenbei 5.000 Euro an Kapital aus dem Markt geholt. (Gerettet?) Immer wieder interessant, aber auch erschreckend, zu erleben, dass meine Vorsätze bereits im Moment ihres Entstehens Makulatur sind.