Erstmals seit ewigen Zeiten schaue ich in meinen Depots auf grüne Zahlen oder zumindest auf Zahlen, die weniger Rot sind. Und bekomme eine Höllenangst. Denn seitdem ich an der Börse aktiv bin, war das häufig der Moment, indem sich die Stimmung dreht. Manchmal weil, aber manchmal auch ohne dass etwas Maßgebliches passiert ist. In vielen Fällen bin ich nicht rechtzeitig rausgegangen, habe in den kommenden Tagen meine Gewinne schrumpfen sehen und gehofft, dass es wieder bergauf geht, bis ich auf großen Verlusten saß, die ich dann nicht mehr realisieren wollte. Was zu dem Effekt geführt hat, dass ich beim nächsten Mal, wenn es wieder nach oben ging, viel zu früh reißaus genommen habe und mich mit kleinen Gewinnen oder meist sogar kleinen Verlusten zufrieden gegeben habe, nur um raus zu sein.
Wie oft in der Vergangenheit habe ich aufgrund meiner negativen Erfahrungen beim kleinsten Anzeichen eines Abwärtsschwungs Aktien neutral verkauft, sprich auf die Weise, dass ich Verluste mit Gewinnen ausgeglichen habe, nur, um mein Kapital zu sichern. In manchen Fällten hatte ich zuvor in den absoluten Tiefs zugekauft und bin dadurch bei Erholungen die gesamte Position losgeworden, was ich mir als Leistung anrechne. Coinbase beispielsweise bin ich heilfroh auf diese Weise losgeworden zu sein. Und so eiere ich seit 18 Monaten hin und her, vor und zurück.
Tief im Innersten habe ich kein Vertrauen in den Markt. Was sicher auch an der Marktphase liegt, die nicht einmal die ältesten Hasen verstehen. Manchmal frage ich mich, wie ich das in den Griff kriegen soll, wie ich diese Angst los werde, aber genauso frage ich mich, ob es überhaupt hilfreich ist. Vielleicht ist die Angst ja berechtigt, da der nächste Absturz kommt, wenn die aktuelle KI-Tech-Bubble 2.0 platzt. Big Tech und der KI-Hype, verbunden mit der nachlassenden Inflation und guten Unternehmensergebnissen, sorgen für gute Stimmung in vielen Sektoren. Sogar die Smal Caps ziehen allmählich mit. Aktuell ist sogar Berkshire Hathaway in meinem Depot rund 1,3% im Plus. Ich stehe mit der eigentlich stabilen und als moderat aufwärts wandernden Buffet-Aktie erstmals auf der Gewinnseite, zwar nur mit rund 80 Euro, aber hey, irgendwann letztes Jahr waren es 20% Minus.
Wenn ich sehe, dass Berkshire grün ist, muss mich beherrschen, meine 20 Anteile nicht zu verkaufen, weniger um den Gewinn mitzunehmen, sondern um die rund 6000 Euro zu sichern. Schon irgendwie traurig, dass das stets mein erste Gedanke ist. Aber auch klar. Denn mein Mantra für 2023 war ja eigentlich: Loswerden, was geht. Nur bin ich mir unsicher, ob das tatsächlich der richtige Weg ist.
Mein größter Wunsch aktuell wäre: Vorübergehend alles loslassen, zur Ruhe kommen und irgendwann von vorne anfangen. Neu denken. Die alten Erfahrungen abstreifen.