Vergangene Woche war die Börse im krassesten Achterbahn-Modus ever. Für mich war es eine emotionale Geisterbahnfahrt. Nach drei Jahren schlagen meine Gefühle zwar nicht mehr so intensiv und unkontrollierbar aus wie in meinen Anfängen, und doch kann ich mich ihnen nicht vollends entziehen.
Mit meinen mutigen Käufen im Kurssturz am Donnerstag und Freitag der vorangegangenen Woche war ich zu früh dran gewesen. Ich habe Tranchen in Dividenden-ETFs investiert und drei Einzelaktien gekauft: Alphabeth, Uber, Xylem. Als die Kurse am Montag weiter fielen, meine Neuerwerbungen entsprechend, habe ich mich sehr gegrämt, erfreulicherweise ohne das frühere Wie-dumm-muss-man-sein-Self-Bashing. So fühlte sich der Verlust zunächst immerhin wie ein kleiner persönlicher Sieg an. Ich hielt das Minus aus. Weiter nachzukaufen traute ich mich jedoch nicht, weder am Montag noch am Dienstag.
Als die Kurse dann am Mittwoch, nach Trumps marktmanipulativen „Great time to buy“-Posting und anschließender Zollaussetzungsverkündung einen abartigen Sprung machten, stiegen meine Aktien wieder und doch versetzte mir das Spektakel einen Schlag in die Magengrube. Weil ich morgens kurz davor gewesen war, Zukäufe zu tätigen, die Angst vor weiterem Kurssturz mich aber davon abgehalten hatte.
In der Nacht lag ich wach. Es regte mich auf. Da war ich endlich einmal mutig gewesen, leider zu früh, und als es darauf ankam, hatte mich der Mut verlassen. Ich fasste den nächtlichen Plan, wenigstens am nächsten Morgen weitere Tranchen nachzukaufen – ausgehend von der Annahme, dass der gesamte Aktienmarkt sich weiter erholen würde, nachdem der Knoten erstmal geplatzt war. So wie es auch Markus Koch in der Closing Bell eingeschätzt hatte.
Donnerstagmorgen kaufte ich also im vorbörslichen Handel, was man sowieso nie tun sollte, weitere Stücke Alphabet, Uber und Xylem. Wenig später setzte dann, anstelle eines weiteren Anstiegs, eine Gegenbewegung ein. Ich war reingefallen, auf meine eigene falsche Einschätzung, die durch die Vorhersage von Markus Koch gestützt worden war. Nach ein paar Stunden mit gefühlt minütlichem Blick ins Depot hielt ich es nicht mehr aus. Kurz bevor die Wall Street anrollte und die Rally des Vortags halbierte, war ich wieder raus. Ich war dem Verlust entkommen, immerhin sogar mit Miniaturgewinn, über den ich mich nicht freuen konnte.
Warum kann ich es trotz der negativen Gefühle, die es verursacht, nicht lassen, auf Einzelwerte zu setzen? Die Antwort ist einfach: Die Hoffnung, endlich auch mal diejenige zu sein, die mit der richtigen Aktie zum richtigen Zeitpunkt innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen einen nennenswerten Gewinn erzielt, stirbt zuletzt – bar jeder Vernunft. Denn eigentlich verabscheue ich Trader, für die Aktien nur ein Spiel sind. Woran man sieht, wie ambivalent meine Beziehung mit Mr. Market ist. Es ist kompliziert. Nein, mehr noch: irrational und disfunktional.
Mag ja sein, dass ich weit und breit die einzige Anlegerin bin, die unentwegt dieselben Fehler wiederholt. Die erfolglosen Trading-Versuche sind das eine. Das andere: Trotz mehrerer live erlebter Crashs, bin ich nicht abgebrüht genug, auf dem Nullpunkt der Stimmung zu kaufen. In entsprechenden Situationen entscheide ich mich, wenn es wirklich darauf ankommt, jedes Mal für die Vorsicht, halte mich zurück, bis es zu spät ist. Die Dividenden-ETFs sind mit dem Discount von letzter Woche zumindest langfristig hoffentlich ein guter Move.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Finfluencer lenken ihre Follower seit einigen Tagen kanalübergreifend mit großer Überzeugung in den Kaufmodus.
Samstag hat Trump verkündet, dass auf Elektroartikel, die US-Unternehmen in China produzieren, kein Zoll bei der Einfuhr erhoben werden soll. Es spricht also einiges dafür, dass Aktien wie Apple, Dell, Nvidia & Co. am Montag „hochballern“, wie Markus Koch in einem samstäglichen Sonderstream prophezeit. Es wirkt wie ein No Brainer. Allerdings war die Nachricht im Bezug auf Halbleiter bereits am Freitag durchgesickert, ohne erwähnenswerte Reaktionen. Was wird also kommen…
Sehen wir die Mega-Tech-Rally oder ein „Buy the rumor, sell the news“-Event?
Wie immer ist alles möglich, auch, dass China dem Ping von Donald Trump über Nacht ein neues Pong entgegensetzt. Oder die US-Staatanleihen weiter in rasendem Tempo ansteigen oder Hedgefonds wegen abartiger Derivate-Geschäfte kollabieren… Und was ist eigentlich mit Putin?
Das Chaos ist unerträglich und ein Ende so bald nicht in Sicht. Eine Entspannung ist möglich. Weitere Einbrüche ebenso. Was ist wahrscheinlicher? Die Unsicherheit dominiert alles.
Ich überlege, ob ich mich der 90-tägigen Zollaussetzung mit einer Aussetzung meiner Börsenaktivität anschließen soll. Denn ich möchte nicht monatelang am Tropf von Trump-Posts hängen und mich weiterhin so intensiv mit den Risiken beschäftigen, die er in der Welt säht. Stattdessen könnte ich meine Zeit in Ruhe investieren und über andere Dinge schreiben, die mir am Herzen liegen. Oder mich einfach in die Sonne setzen.