
Es ist ein irres, ja: berauschendes Schauspiel, das an der Börse derzeit geboten wird. Ein Teil von mir möchte den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und zuckende rot-grüne Zahlen anstarren. Nennen wir diesen Teil meiner Persönlichkeit ganz unverblümt: Junkie. Der Junkie in mir also möchte stundenlang starren und Aktienkäufe durchspielen, mit denen innerhalb weniger Stunden mit dem perfekten Timing fette Gewinne zu machen wären. Wenn er sich nur trauen würde! Der Junkie in mir wäre liebend gerne mit von der Partei und suhlt sich entsprechend in den Qualen verpasster Gelegenheiten und in den durch die Nicht-Teilhabe ausgelösten Versagensgefühlen.
Der andere Teil in mir, der Ende letzter Woche zu Ausverkaufspreisen die erste Tranchen erworben hat, nennen wir ihn die Investorin, möchte mit dem Junkie nichts mehr zu tun haben.
Um mich abzulenken von dem ganzen Lärm – da draußen, genau wie in mir – und als Schutz vor einem möglichen Rückfall mache ich Fleißarbeit und habe endlich den Q1-Abschluss im Depotstatus ergänzt. https://dummesgeld.com/about/
Im ersten Quartal 2025 war die Welt noch in Ordnung. Europäische und deutsche Aktien stiegen kontinuierlich. „Experten“ konnten das erklären. Während die Bärin in mir wisperte: „Das kann nicht lange gutgehen“. In 2023 und 2024 war sie weiß Gott keine gute Ratgeberin. Dennoch höre ich auf sie.
Eine Weile bestaunte ich die DAX-STOXX-Rally ohne Handlungsimpulse. Es sah für ein paar Wochen so aus, als sei ich mit meinen Homebias-Depot genau richtig aufgestellt. Als RWE 18% im Plus war und Veolia 15% hielt ich es nicht mehr aus und verkaufte die beiden Positionen mit 600€ Gewinn, dank meines Verlusttopfs ohne Steuerabzug. Auch ein paar Fallen Angels stiegen. Die in Sparplänen angesammelten Aktenanteile von Intel und Nike, meine beiden letzten US-Titel, warf ich raus, als deren Verluste beinahe neutral waren. Die Bayer-Sparplan-Anteile schmiss ich gleich hinterher. Wieder waren die Quartalszahlen grottig ausgefallen. Verlust 150€ – und Tschüss. Aixtron entschied ich mich zu behalten.
Insgesamt hatte ich in Q1 zurückhaltend und vernünftig agiert. Leider gab es Ende März einen Aussetzer. Ich kaufte Alphabet, 30 Stücke auf einmal, zum damaligen Kurswert von rund 5.000€. Fünftausend Euro auf einen Schlag in Alphabet!! Nichts gegen das Unternehmen. Mich überzeugt die breite Aufstellung mit Cloud, YouTube, KI-Modellen und die gigantische Menge an gesammelten Daten, die digitales Gold sind. Mir gefällt der Bereich selbstfahrende Autos (Waymo) und das frühzeitige Engagement im Longevity-Sektor mit Calico. Alphabet ist ein Kauf, keine Frage, allerdings weiß ich nicht, was mich dabei geritten hatte, auf einen Schlag so viel Geld einzusetzen. Direkt nach dem Kauf ging es runter und ich löste das Ganze reflexhaft mit 150€ Verlust wieder auf. Rückblickend schützte mich das vor dem bevorstehenden 15% Absturz. Immerhin ein kleiner Trost.
Die größte Befreiung in Q1 war zweifellos der Verkauf meiner Neste Position. So gerne ich ein finnisches Unternehmen, das nachhaltige Kraftstoffe produziert, aus emotionaler und weltverbesserischer Sicht in meinem Portfolio hatte, so wenig liebte die Aktie mich zurück. Bittere 1.300€ musste ich meinem Verlusttopf hinzufügen – und rettete immerhin 1.000€. Neste befindet sich nun auf meinem persönlichen Aktienfriedhof neben Fiverr, Varta, Sunpower, HelloFresh und nicht zu vergessen: Atmofizer aka dümmste Anfängerfalle, in die man hineintreten kann. Alles Werte, die ich nach der Beerdigung ausblende. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das ist die beste Art mit liquidierten Fehlkäufen umzugehen. Es dauert tatsächlich nicht lange, und sie sind aus dem Bewusstsein komplett verschwunden.