Schlummern aka die Börse unbeachtet ihren Wahnsinn treiben lassen, ist kaum möglich in diesen Tagen. Ich würde gerne, doch es gelingt mir nicht. So wenig ich die ganze Aufregung, die durch die extremen Kursschwankungen hervorgerufen wird, eigentlich in meinem Leben haben will, so sehr lechze ich nach Informationen, Erklärungen und Spekulationen, wie es weiter geht. Letztere prasseln in allen möglichen Variationen unaufhörlich über die Kanäle. Und ich, ich kann einfach nicht wegsehen. Denn Schlummern hin oder her… Ich liege auf der Lauer in Erwartung eines guten Einstiegszeitpunkts. Seit geraumer Zeit befinde ich mich in dieser Wartestellung.
Is now the time?
Wird die „10%-Korrektur“ sich zum Crash entwickeln – und werde ich diesmal (endlich, endlich) den Mut haben, bei Tiefpreisen mein Geld anzulegen?
Aktuell ist es extrem düster an den Märkten. Die Ausschläge sind erratisch, die Bewegung nach unten setzt sich kontinuierlich fort. Trump löst eine Erschütterung nach der anderen aus und es wirkt so, als hätte er noch einige Schockmeldungen in der Hosentasche. Die Neuste: 200% Zoll auf Alkohol aus Europa. Es wundert mich, dass meine gute, alte Pernod Ricard nach der Verkündung nur 5% abgerauscht ist. Erstmal zumindest.
Das Getöse ist groß, die Medien sind in Dauererregung. Jede Kleinigkeit, die aus Donalds Mund herausfällt, und sei es auch nur aus Versehen, wird gierig aufgeleckt und gespickt mit eigenen Spekulationen verbreitet. Am laufenden Band werden neue Schlagworte erfunden und vervielfältigt. Erst Trumpflaton. Dann Trumpsession. Alles dreht sich um den American Psycho im Oval Office. Sogar der Panzerkaufrausch, den Deutschland jetzt mit Schulden finanzieren will, wird seinem Konto gutgeschrieben. Manche sagen sogar, Europa müsse ihm dankbar sein, weil es so endlich aus dem Quark kommt.
Donald Trump lässt Mr. Market auf der heißen Platte tanzen. Es wäre angebracht, dass CNN als zusätzlichen Indikator für seinen Fear & Greed Index ein „Trump Musk Momentum“ einbezieht.
Seit dem 19. Februar geht es nun schon bergab, insgesamt, und ganz drastisch bei Tech Momentum. Es gibt Analysten, die sagen, dass wir uns womöglich seit dem 20. Februar in einem Bärenmarkt befinden. Das ist noch nicht ausgemacht. Aber es ist immer wieder unglaublich, wie schnell die Stimmung sich drehen kann und wie rasant die Kurse fallen.
Rund um den 10. Februar war der Bullenmarkt noch in Takt und gut gelaunt. Zu dieser Zeit mehrte sich noch das Genöle der Finfluencer. Markus Koch beschwerte sich am 11.2. in seiner „Closing Bell“ über den „zähen Markt“, der die Nerven strapaziere. Lars Erichsen sagte in der „Buy the Dip“-Episode vom 9.2. wortwörtlich: „Die Langeweile ist unerträglich.“ Ich habe mir das damals notiert, weil es die Haltung der Finanzmedien auf den Punkt bringt. Sie brauchen den hysterischen Rummel, je heftiger, desto besser. Dramatische Ausschläge, egal in welche Richtung, sind ihre Daseinsberechtigung. Andreas Beck nennt es „nur Rauschen“. Diese Antihaltung wiederum ist seine Daseinsberechtigung.
In einem Podcast habe ich gehört, dass insbesondere vergangenen Freitag, 7.3., aber auch an den folgenden Tagen, einflussreiche US-Hedgefonds ihre Aktien im großen Stil verkauft hätten. Man nennt es De-Risking. Bei solchen Ausverkäufen geht es nicht um etwa um mangelnde Qualität von Unternehmen, sondern allein ums Loswerden der Papiere. Die Profis flüchten aus dem Markt und die Kleinanleger rennen hinterher. Während die Profis sich rechtzeitig die Gewinne der letzten beiden fetten Jahre sichern, verkaufen Privatanleger häufig zu spät – und wenn die Panik groß genug ist, oftmals trotz hohem Verlust. Ich habe das selbst ein paar Mal durch – und bin deshalb total begeistert von mir selbst, dass ich diesmal ruhig bleiben kann, weder bei einem Bounce einsteige, noch panisch verkaufe.
Dabei hatte ich den Finger schon einige Male am Kaufknopf. Anfang des Monats zum Beispiel, am 3.3. war ich kurz davor, wieder in Dell zu investieren. Und das dazu in einer Situation, die ich mir streng verboten habe: In der Frühstückspause neben der Müslischale am Handy mal eben eine Order absetzen. 20 Stücke wollte ich kaufen à 99€. Irgendwie konnte ich mich zügeln. Ein Glück! Denn aktuell notiert Dell bei 85€. Die 15% Verlust innerhalb der vergangenen zehn Tage sind mir erspart geblieben.
Wenn es diesmal gut für mich läuft, wird die Bereitschaft abzuwarten, sich auszahlen. Vielleicht schaffe ich tatsächlich, lange genug, aber nicht zu lange, geduldig zu sein, um im Tief oder zumindest tranchenweise an mehreren Tiefpunkten einzusteigen. Ich würde dann gerne mein gesamtes Budget verpulvern und auf unbestimmte Zeit liegen lassen. Denn ich möchte so gerne eine zeitlang Ruhe haben vor Investitionsentscheidungen und meine Aufmerksamkeit vollständig auf andere (Lebens-)Themen lenken. Es gibt viele Ideen, für die mir seit langem die nötige Energie fehlt.
Es wäre momentan ein gutes Investment, den Logenplatz im Börsenzirkus bis auf weiteres ganz aufzugeben. Weg von Wirtschaft, Fiskalpolitik, Zinspolitik, rot-grün springenden Zahlen. Weg von Angst und Gier. Weg von der Fear Of Missing Out. Weg von Trump und seiner Gefolgschaft aus rückradlosen Tech-Milliadären. Und weg von all denen, die tagtäglich darüber berichten. So sehr diese ganzen Talking Heads inzwischen zu meinem Leben gehören. Was nüchtern betrachtet sowieso ziemlich weird ist.
