Drei Jahre Irrtum.

Erster Dezember, erster Advent und nebenbei ein persönliches Jubiläum. Denn am 1.12. vor drei Jahren habe ich die erste Aktie meines Lebens erworben. Vor diesem Tag hatte ich mich einige Wochen mit den Basics der Geldanlage in Wertpapieren beschäftigt; einer Materie, mit der ich bis dato noch nie etwas zu tun hatte und auch nicht dachte, dass dies je der Fall sein würde. Aber nun hatte ich plötzlich einen hohen Geldbetrag zur Verfügung. Geld, das mich zwang, etwas mit ihm zu tun. Zur damaligen Zeit zahlten Banken keine Zinsen, sondern, im Gegenteil, wurden für das Parken höherer Beträge auf Giro- und Tagesgeldkonten Strafzinsen verlangt. Es hört sich mittlerweile verrückt an, dass Kunden für die Aufbewahrung ihres Geldes durchschnittlich 0,5% Zinsen an die Bank zahlen mussten, sobald das Guthaben, je nach Institut, die Höhe von 50.000 oder 100.000 überstieg.

Das Motto an den Kapitalmärkten lautete: TINA. There is no alternativ. Damit war gemeint, dass Aktien die einzige Möglichkeit darstellten, Geld gewinnbringend anzulegen. Ich eröffnete ein Online-Depot beim S-Broker der Sparkasse weil dort gerade 300€ Orderguthaben verschenkt wurden, sprich der Handel ohne Gebühren winkte.

Mein erster Trade: 8 x Volkswagen AG ST für rund 2.000 Euro. Ja, unglaublich, damals wurden die Stammaktien für rund 250€ gehandelt. Vergangenen Freitag sind sie mit 83,50€ aus dem Handel gegangen. Damit liegen sie kaum noch über den Vorzugsaktien, die derzeit rund 80€ wert sind und damals, Anfang Dezember 180€ gekostet haben.

Als blutige Anfängerin setzte ich tatsächlich zu allererst auf einen Einzelwert. Und nicht nur das, mein erster Handel beruhte auf einem Irrtum, auf den viele folgen sollten. Ich dachte damals, dass nur Stammaktien zur Teilnahme an einer Hauptversammlung berechtigen würde. Und das wollte ich: die jährliche Hauptversammlung in Wolfsburg besuchen, um meiner neuen „Karriere“ als Kapitalanlegerin einen passende Rahmen zu verleihen.

Nach kurzer Zeit jedoch traf ich den Entschluss, statt in VW doch lieber in Mercedes zu investieren. Ein früher Ausdruck einer Wankelmütigkeit, die mich in all den folgenden Jahren begleiten und immer wieder in die Bredouille bringen sollte. Die Papiere verkaufte ich damals sogar mit einem kleinen Gewinn. Was sich natürlich toll anfühlte. Anschließend investierte ich den Betrag in Mercedes, ohne zu ahnen, dass ich mich schon bald erstmals mit einem Spin-Off beschäftigen musste. Als plötzlich, ohne mein Zutun, Daimler Truck Aktien im Depot lagen, verstand ich gar nichts, zumal die angezeigten Kurse hinten und vorne nicht stimmten.

Mein Depot bestückte ich nach und nach mit weiteren Einzelwerten. Ich wählte Klassiker wie Apple, Allianz, Nike, Merck, L’Oreal, Unilever, Johnson&Johnson, Berkshire. Nichts dagegen zu sagen, solange die Börse nicht crasht. Anfangs beherzigte ich lehrbuchmäßig die Diversifizierung nach Ländern und Branchen und kaufte nach dem Einzelwerte-Rausch schließlich auch noch verschiedene ETFs, eine Mischung aus Ländern und Themen. Obendrauf kamen fünf Momentum-Werte, die ich für die einzigen riskanteren Invests hielt. Jeweils 1.000€ in Fiverr, Square (heute: Block), ABO Wind, Curevac and Atmofizer. Im Rückblick ist das alles völlig absurd, insbesondere letztere Aktie, eine Anfängerfalle wie aus dem Abschreckungskabinett. Ich möchte darauf gar nicht näher eingehen. Leider ist Atmofizer nicht die einzige Schrottaktie mit Totalverlust geblieben. Und Curevac dümpelt mit Minus 83% nach wie vor in meinem Depot herum.

Rückblickend ist es eigentlich ein Wunder, dass ich mich durch meine Risikofreude gepaart mit unendlicher Naivität in den drei Jahren nicht noch tiefer in die Scheiße geritten habe. Ich habe massive Verluste erlitten. Alle Gewinne, die ich erwirtschaften konnte, dienten bislang dazu, diese Verluste auszugleichen. Ich bin jetzt nahezu an dem Punkt, an dem ich zu Beginn war. Allerdings nur, wenn man die Buchverluste nicht berücksichtigt. Die muss ich noch aussitzen.

Es waren nervenaufreibende drei Jahre, in denen ich zwischen der Angst vor dem nächsten Absturz und der immer wieder auflodernden Gier innerhalb einer Rally endlich mal richtig Kohle zu machen, hin- und herkippte. Ich war stets vom Ehrgeiz getrieben, die Verluste „wieder rein zu holen“. Gleichzeitig nahm ich meinen Einsatz jedes Mal viel zu früh vom Tisch, weil ich auf keinen Fall weitere Verluste erleiden wollte. Eine toxische Mischung, die wenig Rendite bringt, dafür aber viele Nerven kostet – und schlaflose Nächte.

Zu allen eigenen Fehlern hatte ich auch Pech mit meinem Börsenstart Ende 2021. Die Phase Strafzinsen wechselte den heftigsten Zinserhöhungen der Geschichte. Und als sei das für den Aktienmarkt nicht erschütternd genug, kam der Ukraine-Krieg, Tech-Crash, Bankenbeben, der Gaza-Konflikt und zuletzt der Japan-Carry-Trade-Crash hinzu.

All die Jahre wechselten sich extreme Korrekturen und extremen Rallys ab, in einem abnormen Tempo. Ich legte unendlich viel Energie daran, das alles zu verstehen, wollte alle verfügbaren Neuigkeiten in mich aufzusaugen, hörte mehrere Stunden am Tag Podcasts, um auf Basis von Wissen und Informiertheit besser zu werden, den Markt zu schlagen. Daraus wurde nach und nach eine Sucht. Und dabei machte ich immer wieder dieselben Fehler. Meine bärische Grundhaltung, basierend auf den wiederkehrenden Absturz-Erfahrungen, bin ich bis heute nicht mehr losgeworden. Keine gute Voraussetzung für den Erfolg. Und zuletzt hat mich die Party, die die Börse für Trump veranstaltet, richtiggehend angewidert.

Das Jahr ist bald vorbei, die üblichen Spekulationen über die Jahresendrally sind in vollem Gange, während ich denke, dass es für mich in 2024 nichts mehr zu tun gibt, außer weiterhin Abstand zu dem ganzen Wahnsinn zu erlangen.

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