19.000 Punkte/Stunde.

Na gut, es war etwas länger als eine Stunde, dass sich der DAX am 19.09. über 19.000 bewegte. Allerdings war der Tagesrekord beim Closing der Wall Street schon wieder dahin. Freitagmorgen bei Eröffnung waren rund 100 Punkte verschwunden, zum Wochenabschluss insgesamt rund 1.300. Anders in den USA: Dow und S&P erreichten neue Allzeit-Hochs und hielten sie halbwegs. Der Nasdaq ist zwar von den Highs noch um einiges entfernt, konsolidiert aber weiterhin vom letzten Tief.

My Sentiment, wie so oft: Ich kapier’s nicht. Warum die Zinssenkung in den USA um saftige 50 Basispunkte tatsächlich stattgefunden hat – so wie es die Wall Street, aber nicht die Ökonomen erwartet hatten – verstehe ich genauso wenig, wie die Reaktionen, die dieser Powell-Move auslöste. Nach Verlautbarung der FED-Entscheidung am Mittwoch ging es erstmal rauf, zum Börsenschluss dann wieder runter, am nächsten Tag wieder rauf, und das ordentlich, inklusive 19.000er-Dax-Party. Am Freitag schwankten die Kurse erneut und endeten mit dunkelroten Onvista-Kacheln in Germany/Europe während sich Amerika in schickem Rosa-Hellgrün hüllte.

Die Frage ist, ob die Wall Street inzwischen in ihrer Soft-Landing-Verliebtheit, dem Glauben an einen (gar nicht so wahrscheinlichen) Rückgang der Inflation und dem Einpreisen von zwei weiteren Zinssenkungen bis Jahresende völlig den Bezug zur Realität verloren hat. Vielleicht ist mittlerweile eine platzende Tech-Bubble weniger wahrscheinlich als die sich in Luft auflösende Heile-Welt-Bubble, von der der Markt aktuell aufgebläht wird.

Ich bleibe in der Erwartungshaltung, dass die Wirtschaft keineswegs weich landen wird, sondern mindestens mittelhart, denn ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die Inflation wieder höher steigt und die Q3-Earnings wenig erfreulich ausfallen. Rosig, wie es die US-Kacheln suggerieren wird die kommende Zeit kaum werden.

Trotz meiner wenig positiven Grundhaltung zum Gang der Dinge bin ich derzeit weiter in Stock-Shopping-Laune. Ich kaufe Aktien, die mir derzeit preislich attraktiv erscheinen und die ich gerne haben möchte. Damit meine ich „haben“ im Sinne von besitzen, so wie normale Sachwerte: ein neues Sofa, ein Kopfhörer oder ein Parfum, das man „um sich haben“ möchte.

Nach L’Oreal und Samsung, sowie den zusätzlichen 20 Neste-Aktien, habe ich meinem Depot Dell (10 Stück für rund 1.000€) und Enel (75 Stück für rund 500€) hinzugefügt. Besondere Freude hatte ich bei Kauf meiner Geburtstagsaktie. Letzes Jahr habe ich begonnen, mir LVMH zu schenken. 2023 hat das 740€ gekostet, in diesem Jahr 610€, zwischenzeitlich lag die Aktie im März mal bei 870€. Soviel zu Kursschwankungen. Dass ich mit der Luxus-Aktie momentan im Minus bin, macht mir nichts aus. Das wird wieder. I’m sure.

Und genau da möchte ich bei der langfristigen Anlage hin, mit jeder einzelnen Aktie. Ich möchte ihrer sicher sein. Sie besitzen und mich daran erfreuen. Mich daran erfreuen, weil sie für mich, unabhängig vom Kurs, einen Wert hat, egal ob ikonisch (Porsche), KI ohne Allüren (Dell), innovativ in einer Nische (Carl Zeiss), exquisit (Pernod) oder auf dem richtigen Weg in die Welt von morgen (Neste). Ich möchte Aktien, an die ich glaube, auch wenn sie sich in einer schwierigen Phase befinden. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich tatsächlich nur noch Aktien besitze, die ich wirklich haben will. Etliche, auf die es nicht zutrifft, habe ich bereits erfolgreich entsorgt, ein paar muss ich allerdings noch loswerden.

Was das Spekulieren aka kurzfristiges Handeln (Traden) betrifft, muss ich bekennen, dass der Reiz bleibt. Natürlich würde ich gerne ein Stück vom Kuchen der täglichen Schwankungen abbekommen, am Wahnsinn der Börse mit profitieren. Erst recht, da ich mich so viel damit beschäftige. Momentan denke ich beispielsweise über Öl und Rohstoffe nach. Antizyklisch investieren. Allerdings nicht in Einzelaktien, sondern in Themen-ETFs. Das bringt zwar weniger Rendite, ist dafür weniger riskant. Die Gier nach dem schnellen Geld, so ganz werde ich sie nicht los. Kein Wunder, wenn ich permanent mitbekomme, wie in wenigen Tagen viele Prozente Gewinn entstehen – und ich per Knopfdruck Geld verdienen könnte. Geld machen. Nirgends trifft dieser Ausdruck wohl mehr zu als an der Börse. Und wer würde das nicht wollen?!

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