In den vergangenen Monaten hatte sich der Dienstag häufig als der Tag erwiesen, an dem es wieder bergauf ging, nachdem in der Woche zuvor und fortführend am Montag zwischendurch mal schlechte Stimmung geherrscht hatte und die Zeichen auf Gewinnmitnahmen standen. Wie durch einen Zauber gingen die Börsen, ohne dass es positive Nachrichten gab, dienstags zurück in den Buy the Dip-Modus und von da an neuen All-Time-Highs entgegen. Und stets hatten diejenigen, die bezweifelten, dass Buy The Dip in Anbetracht der anhaltend undurchsichtigen Mischung aus schwächer werdenden Wirtschaftsdaten und zu langsam sinkender Inflation eine gute Idee sei, das Nachsehen. Ich habe jede dieser Erholungs-Rallys verpasst. Allerdings bin ich auch nicht zu spät noch eingestiegen. Immerhin das habe ich inzwischen kapiert: Füsse stillhalten in solchen Phasen, auch wenn es noch so schwer fällt.
Dienstag, der 3. September wurde seinem Ruf als Turnaround Tuesday gerecht, allerdings in die entgegen gesetzte Richtung. Am Montag war die Welt noch in Ordnung. Am Dienstag kam dann die Wall Street nach dem US-Feiertag mit einer Stinklaune in den Handel zurück und setzte der friedlichen Stimmung an den Weltbörsen ein jähes Ende. Die Aussicht auf einen DAX über 19.000 Punkten, der tags zuvor noch in Aussicht gestellt worden waren, wirkte am Ende des Tages wie ein Witz. Und in den kommenden Tagen ging es so weiter. Von Mittwoch bis Freitag stetig fallende Kurse, inbesondere die Halbleiter- und KI-Werte brannten lichterloh nachdem am Donnerstag Broadcom noch einmal Öl ins Feuer goss. Die Zahlen war gut, aber nicht gut genug. Man kennt es. NVIDIA ist seit Bekanntgabe der Nicht-gut-genug-Zahlen von 115,00€ auf aktuell 92,00€ gefallen. Finfluencer raten zu einem Einstieg bei unter 90,00€. Na klar. So als wäre ausgeschlossen, dass es noch weiter runtergehen könnte. Dass das All-Time-High bei 130,00€ gelegen hat, ist keine Garantie, dass die Aktie diesen Stand alsbald wieder erreicht. Sie kann genauso bei 50,00€ landen, auch wenn das derzeit unglaublich erscheint.
Alles kann passieren. Nichts ist unmöglich. Das ist das Gesetz der Börse. Eben weil sie viel weniger auf rationale Entscheidungen auf Basis von Fakten beruht, als es in diesem Metier zu erwarten wäre. Die Börse ist getrieben von Sentiment (Angst und Gier) kombiniert mit den Algorithmen des Maschinenhandels. Maschinenhandel, diesen Begriff gibt es wirklich. Käufe und Verkäufe in Milliardenhöhe werden auf Basis von Programmierungen automatisch ausgeführt, inklusive der unüberschaubaren Variationen des Handels von sogenannten Derivaten, die womöglich nicht einmal diejenigen, die sie benutzen, allumfänglich verstehen.
Das Smarte Geld oder vielmehr deren KI-Tools sind am Drücker. Das Dumme Geld darf mitspielen. Mehr ist es nicht. Die Betonung liegt dabei auf Spiel. Wer als Privatperson große Beträge auf einzelne Aktien setzt, begibt sich ins Spielkasino, je spekulativer die Werte und je größer die möglichen „Upsides“, umso tiefer. Wer das nicht will, investiert regelmäßig in eine breite Mischung aus Standardwerten oder noch besser in ETFs. Das ist dann so langweilig, wie jeden Tag eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“, aber Nomen est Omen.
Mich hat die Vermeidung von Langeweile und das diffuse Gefühl, ständig etwas TUN zu MÜSSEN, zwei Jahre lang getrieben – und immer wieder in die Scheiße geritten. In der vergangenen Woche sind meine Buchverluste nun wieder deutlich angeschwollen. Es grämt mich nicht, weil die Freude über die Korrektur schwerer wiegt. Ich hoffe, das ist erst der Anfang! Ob ich es diesmal schaffen werde, im Tief einzusteigen und bei akut ausweglos erscheinender Gesamtstimmung meine Depots mit Aktien – und ja, hauptsächlich mit öden ETFs – zu bestücken? Ich nehme es mir vor. Es kostet sehr viel Überwindung und Mut, dies in so einem Moment zu tun, wenn die Börse hysterisch FEAR schreit. Abgemacht ist die Sache nicht.