Not normal, was ständig am Markt abgeht.
Oder ist es doch normal. Seit meinem Aktienkauf-Debüt im Winter 2021 habe ich die Börse zumindest nie anders erlebt. Selten wurde die Kirche im Dorf gelassen. Ich habe kaum Phasen mit steigenden und sinkenden Kursen in einer nachvollziehbaren Wellenbewegung gesehen. Entweder die Stimmung ist voller Euphorie und die Kurse steigen und steigen als gäbe es nie wieder schlechte Zeiten – oder: die Stimmung geht auf unter Null und es fühlt sich so an, als sei es das Ende der Welt und der Beginn fallender Kurse für die nächsten Jahrzehnte.
Oft frage ich mich, ob das schon immer so war oder ob es ein Resultat des Zeitgeistes ist. So wie beim Wetterbericht ein normales Gewitter als schwere Unwetterwarnung angekündigt wird, so können an der Börse Erwartungen, die nur leicht verfehlt werden, zu Abverkäufen führen, die die Kraft besitzen, einen Crash auszulösen. Hysterie pur.
Ist Überreaktion die neue Normalität?
Vergangene Woche war ein Paradebeispiel dieses Wahnsinns. Montag leichte Bewegungen, hauptsächlich seitwärts. Dienstag dann auf einen Schlag, zack, runter, Chipwerte teilweise zweistellig in den Keller. Mittwoch, peng, S&P und Co. plötzlich dunkelgrün, die abgestraften Chipwerte wieder zweistellig rauf. Donnerstag, wums, alles wieder runter auf Dienstagsniveau. Und dann, Freitag, knall, bumm, so richtig krass ab durch die Kellerdecke ganz nach unten.
Ej Alder, echt jetzt, du hast sie doch nicht mehr alle!!! – möchte ich den Markt anschreien. Tue ich aber nicht, weil ein massiver Abverkauf nach meinem Gefühl das Rationalste und Nachvollziehbarste ist, was dieses vermeintliche Superbrain in den letzten Wochen hervorgebracht hat. Ich habe es nicht anders erwartet, ja, sogar herbeigesehnt. Wie seit Monaten schon, seit Jahren, denn ich bin die Mike Wilson der Kleinanlegerinnen oder auch the last Marko Kolanovic. Während die beiden vormals angesehenen Analsysten kürzlich ihre Hüte nehmen mussten zur Strafe für ihre perma-bärische Haltung, habe ich weiter die bearishe Flagge hoch gehalten. War nicht irgendwie klar, dass die Börse einbrechen würden, wenn die letzten großen Bären kapitulieren?!
Und wie es so ist, mit einem Abverkauf, der diesmal, ja diesmal (vielleicht tatsächlich endlich) ein großer Crash werden könnte… Ist der da, kommt in mir doch die Angst hoch. Vorbereitet oder nicht, es ist immer wieder ein Schock, zu erleben, wie schnell es abwärts geht! Auf das Tempo war ich wieder nicht gefasst. Während mein Depot am grünen Mittwoch, 31. Juli 2,5% = 420€ gut machte und einen Gesamtwert von 17.400 auswies, sind am Ende der Woche nur noch 16.700 übrig, was einem Minus von 4% entspricht. Und damit stehe ich, verglichen mit techlastigen Depots sicherlich noch gut da. Angefühlt hat sich wie ein 10%iger Sturz.
Der Grund für den Kurssturz war ein Cocktail aus schwachen Konjukturdaten, verbunden mit der Sorge, dass die FED die Zinsen zu spät senkt, ein schwächer als erwarteter Arbeitsmarkt, erhöhte geopolitische Risiken und die Frage nach der tatsächlichen Wirtschaftlichkeit der enormen KI-Ausgaben für die einzelnen Unternehmen.
Übers Wochenende versuche ich mich so gut wie möglich vorzubereiten, erstelle eine Crash-Shopping-List, mache einen Plan, bei welchen Kursen ich wo und in welchem Umfang einsteige und vorhandene Werte in meinem Depot aufstocke. Ein Vorhaben ist, den bei JustTrade geparkten Betrag von 10.000€ stur in ein All-Country-World-ETF zu investieren, am besten wahrscheinlich in vier bis fünf Tranchen. Außerdem möchte ich Aktien aufsammeln, die ich schon lange haben oder wieder haben möchte, wie ASML, Veolia, L’Oreal oder Siemens.
In meinem Depot befinden sich aktuell nur noch 10 Positionen. Nach dem alternativlosen Rausschmiss von SunPower vor zwei Wochen habe ich mich vergangene Woche auch von TOMRA getrennt als sich bei nur noch minimalem Verlust von 30€ (es waren mal 300€) die Gelegenheit geboten hatte. Eine gute Entscheidung, glaube ich. Vor allem, weil ich das Papier mangels Überzeugung inzwischen nicht mehr haben möchte. Paypal habe ich behalten, weil ich, gestützt durch das gute Quartalsergebnis, an dessen Turnaround glaube. Ob das eine gute Entscheidung war, wird sich zeigen. Mittwoch noch im Plus, ging es im Zuge des allgemeinen Tech-Crashs natürlich erstmal wieder ordentlich runter.
Sehr erstaunlich finde ich derzeit Fiverr… Wird das Unternehmen noch einmal von den Toten auferstehen? Ich könnte mir vorstellen, das eine verstärkte Vermittlung von KI-Freelancern ein Wachstumsfeld sein könnte. Aber wer weiß. Ich bleib mal hoffnungsvoll und halte. Die einzige Aktie, die ich aktuell in meinem Depot lieber nicht mehr sehen würde, ist HelloFresh. Ich bin knapp davor, sie glattzustellen. Aber bei einem Restwert von 155€ die Flinte endgültig ins Korn zu werfen, lohnt sich eigentlich nicht, solange in der Aktie wenigstens noch ein bisschen Leben ist und das heißt: Conveniece Food, Tierfutter oder wahlweise eine Übernahme.
