2.000€ für Maydorns Meinung.

Donnerstagabend, halb zehn, mit einem Bier auf dem Balkon, nach einem schönen Tag, inklusive ein paar Stunden am See. Die Börse hat sich nachmittags ein bisschen ausgekotzt, was mich nicht beunruhigt, da ich ohnehin permanent damit rechne.

Wie immer am Ende des Tages werfe ich kurz vor Neobroker-Trading-Schluss einen letzten Blick auf das Geschehen des Tages… Und bekomme dann doch einen Schock versetzt. SunPower ist um 40% gecrashed. Und das, obwohl die US-Solaraktie in den Wochen zuvor eine kleine Erholung erlebt hatte. Sie war in meinem Depot immerhin von -90% auf -80% „gestiegen“.

Ein paar Details über die Gründe sind im Netz sogar zu finden, allesamt völlig desaströs, u.a. eine Abstufung auf 0(!) Euro. Meine 90 Aktien zeigen in diesem Moment einen Restwert von 125€ an, sprich 92% unter dem Einstandspreis von 1.465,00€. Ich hatte im November 2022 40 Stücke à 22,03€ gekauft und im März 2023 beim Kurs von 11,64€ die Position um 50 weitere aufgestockt. Durchschnittskurs: 16,25€. Seither ging es kontinuierlich bergab. Das letzte Hoch gab es Ende Juni bei 2,80€, davor einen Ein-Tages-Spike auf 4,20€ im Zuge des kurzfristigen Roaring-Kitty-Meme-Aktien-Spektakels.

Innerhalb weniger Minuten traf ich die Entscheidung, die Position zu liquidieren. Raus aus dem Depot, bevor der Schrott womöglich unverkäuflich wird. Beim Kurs von 1,38€ landeten die 125 restlichen Euro auf meinem Verrechnungskonto und 1.340€ im Verlusttopf, der damit auf round about 4.000€ anschwillt.

Wie bei Varta hat auch dieser realisierte Verlust zu einer Erleichterung geführt. So bitter es ist, wenn jegliche Hoffnung auf eine wenigstens teilweise Erholung dahin ist, so befreiend ist es a) den Wert optisch aus dem Depot zu haben und b) genau diese naive Hoffnung zu begraben. Während ich bei Varta immerhin 30% retten konnte, bleiben bei SunPower lediglich 8,5% des eingesetzten Kapitals übrig. Der Verlust beträgt insgesamt: 2.000€.

Ich muss schon sagen… Ein hoher Preis für „Maydorns Meinung“. Denn darauf geht die Anschaffung beider Aktien zurück. In YouTube Videos unter der Flagge des Börsenmagazins „Der Aktionär“ präsentiert Alfred Maydorn wöchentlich seine persönliche Einschätzungen zu einem Strauß ausgewählter Aktien, die gerade unter Kleinanlegern angesagt sind. Ich bin in der zweiten Hälfte 2022 bei ihm eingestiegen, als ich Einordnung und Orientierung suchte, vor allem wegen Tesla. Anfangs hielt ich es für eine seriöse Quelle. Leider realisierte ich erst nach und nach, wie umstritten Maydorn und wie toxisch der Output von „Der Aktionär“ insgesamt zu werten ist. Als ich mir dessen bewusst wurde, hatte ich Varta und SunPower bereits im Depot.

Entgegen der Schuldzuschreibungen seitens der Finfluencer, dass alleine die Konsumenten der Börsennachrichten für die eigenen Entscheidungen verantwortlich sind, kann ich mich nur wiederholen: Die Schuld trifft die Absender mindestens zur Hälfte. Denn selten werden die persönlichen Einschätzungen der so called „Experten“ neutral präsentiert. Sie werden zwar „Tipps“, „Hinweise“ und „Anregungen“ genannt oder auch „Gedanken und Ideen“, sind jedoch im Grunde nichts anderes als genau die Kaufempfehlungen, die sie in Disclaimern explizit ausschließen zu sein. Was sollen WKNs konkreter Aktien und ETF-Produkte, die in den „Show Notes“ verlinkt werden denn sonst sein?!

Die Verantwortlichen der Inhalte scheren sich einen Dreck um ihr Geschwätz von gestern. Der Begriff „Verantwortung“ wird ohnehin in Warnhinweisen weggebügelt. Und so interessiert es nicht, dass das, was am 13. Juli 2023 noch als „Strong Buy“ angepriesen wird, vierzehn Tage später in einem „Kursdesaster“ endet, wie ein Screenshot eindrucksvoll dokumentiert:

Leider ist „Der Aktionär“ keine Ausnahme. Die Nachrichten vom Vortag spielen an der Börse insgesamt keine Rolle. Viele Aussagen sind nur einen Tag, manchmal nur einigen Stunden gültig. Sogar hochdekorierte Analysten seriöser Bankhäuser irrlichtern bei ihren Auf- und Abstufungen im täglichen Nachrichtendickicht herum. Kurzum: Es handelt sich bei der täglichen Börsenberichterstattung um eine Art Kaffeesatzlesen mit hohem Unterhaltungswert. Was nicht weiter schlimm wäre. Das Gefährliche daran ist jedoch, dass es unter dem Deckmantel angeblicher Expertise geschieht. Und das muss man als Privatanleger erstmal begreifen. Zumal Finfluencer ihr Irrlichtern bewusst so darstellen, als sei es hilfreich, wenn nicht gar essentiell, die richtigen Finanzentscheidungen zu treffen. Wer würde ihnen sonst auch folgen?

Rückblickend habe ich mir schon oft gewünscht, ich hätte mich von Beeinflussern weniger beeinflussen lassen. Mittlerweile hinterfrage ich jede News kritisch. Es ist ziemlich kniffelig, Informationen nutzbar aufzunehmen, ohne Beeinflussung zuzulassen.

Verlorenes Geld als Lehrgeld anzusehen, macht den Verlust zumindest konstruktiv.

2.000€ sind weg.
Dafür ist Maydorns Fluch beseitigt.
Halleluja!

Wer Lust, Zeit und Nerven hat, sich näher mit dem Irrsinn von Börsenberichterstattung und deren Gefahren für die finanzielle Gesundheit zu beschäftigen, seien die nachstehenden geschichtlichen Ausgrabungen empfohlen… Im ersten Video geht es um SunPower im November 2022, dem Zeitpunkt als ich die ersten Aktien kaufte. Das zweite Video ist eine detaillierte Zusammenfassung über Maydorns Totalversagen bei der Einschätzung von Varta.

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