Morgens aufwachen und von allen Gedanken an die Börse befreit sein. Das Wunder, das ich mir gestern gewünscht habe, ist leider nicht geschehen. Ganz im Gegenteil. Um 4:30 Uhr konnte ich nicht mehr schlafen. Weil sofort das Grübeln einsetzte. Was soll ich tun, damit der Schmerz des Misserfolgs nachlässt? Dreimal tief durchatmen und weitermachen mit dem Investieren? Und wenn ja, wie? Das Handtuch werfen, alles verkaufen, Verluste als Lehrgeld deklarieren, damit Ruhe ist? Eine Weile pausieren, mich sortieren, dann weitersehen?
Einer Tatsache muss ich mich stellen: egal ob Handtuch oder Pause, es käme einem Entzug gleich. Die Art Entzug, wie man sie von Social Media kennt. Eine toxische Beziehung mit Facebook oder in dem Fall mit Depots und Watchlisten beendet man nicht mal eben so auf Basis einer vernünftigen Entscheidung. Denn die Verlockung ist allgegenwärtig, auf dem Handy sogar allzeit bereit. Die blinkenden Aktienkurse auf meiner 177-Werte-Lang & Schwarz-Watchlist sind für mich das, was für andere der News Feed von TikTok oder Instagram ist. Manchmal denke ich, dass es weniger um Geld als um das Erfolgserlebnis geht. Endlich auf das richtige Pferd setzen!
Was auch immer mich so sehr einnimmt, dass ich nicht mehr von der Börse loskomme. Das Ergebnis des stundenlangen Grübelns im Bett war: 5.000 Euro in Apple. Es kam mir in diesem Moment, um 5:00 morgens, plötzlich total plausibel vor. Ich dachte: DAS ist die Lösung meines Tech-Defizits und damit mache es endlich gut, von KI und Tech abgehängt zu sein. Mit Apple wäre ich dabei, endlich. Meine Euphorie basierte vor allem auf der Spekulation, dass die neuen iPhones das Gadget für Privatsphäre-Fetischisten werden würden und das weltweit. Apple Intelligence rules.
Während ich Kaffee kochte, löste sich meine Überzeugung in Luft auf, als ich in der Closing Bell, die zur ersten Tasse Kaffee dazu gehört, von einer Umgewichtung der Werte Nvidia und Apple in einem maßgeblichen Tech-ETF erfuhr, die Apple voraussichtlich schwächen könnte. Nur eine Randmeldung, gar nicht so tragisch womöglich, aber für mich ein Hinweis, meinen Kaufimpuls zu hinterfragen. Gut so. Denn war Apple bei einem Kurs von etwas über 200€, einem bislang noch unkonkreten KI-Versprechen und nach wie vor dünnen Verkäufen in China wirklich so eine super Idee?
Ich lies Apple liegen. Statt dessen stockte ich am frühen Nachmittag Relx um weitere 25 Anteile auf. Irgendwas MUSSTE ich tun. Muss ich natürlich nicht. Aber genau das ist das Problem. Dieser Zwang, etwas zu tun. Woher auch immer der kommt. Der Relx-Kurs ging dann, na was wohl: runter. Wenigstens nur leicht. Stärker gab Snowflake nach. Es ist der jüngste Wert in meinem Depot, gekauft aus einer Laune heraus, in der Hoffnung auf einen bevorstehenden Turnaround, dann noch zweimal aufgestockt, inzwischen liegen 2.500€ drin. Genau das wollte ich lassen! Nun bin ich 15% im Minus und will die Aktie nur noch los sein, allein deshalb, damit ich mir nicht täglich ansehen muss, dass ich mir womöglich einen neuen Schädling in Gestalt einer viel zu hoch bewerteten Wachstumsaktie ins Nest gelegt habe.
Na ja, okay, Börse hin oder her mit all diesen negativen Gefühlen. Glücklicherweise gibt es das echte Leben. Das steht bei mir hoch im Kurs. Und das beste Invest, das es gibt, ist die Liebe. In sie vertraue ich. Und in der Liebe kann Kontrollverlust mitunter sehr sexy sein. Sich fallen lassen. Eine Rally for two – an diesem schwül-warm, verregneten Nachmittag. Sekt trinken, sich verbinden, Nähe zelebrieren, die Zeit stillstehen lassen. Die Aktien können dann machen, was sie wollen. Die Börse ist runter vom Radar. Handy auf stumm. Alles ist gut. Und wie heißt es so schön… Pech im Spiel. Glück in der Liebe. Würde ich tauschen wollen?!