May I proundly present on todays stockmarket catwalk: der Bitcoin in kräftigem Dunkelgrün. Ein Plus von mehr als 7%. Schaue ich in mein Depot, ist der Stand der Dinge weniger spektakulär. Ich bin mit meiner Anfang April etablierten Position genau da, wo ich gestartet bin. Seither Ups and Downs, Feer and Greed, viel Rauch um nichts, wie bei sämtlichen Indizes, die nach der V-förmigen Erholung nun wieder neuen Allzeithochs entgegen gieren.
Tiefrot dagegen heute meine liebe Neste, ein finnisches Unternehmen auf einem Vorreiterweg vom Mineralöl zu Erneuerbaren Energien und Kreislaufwirtschaft. Die Aktie wird leider heftig angezählt. Diesmal, weil im Geschäftsbereich „Renewable Products“ die Marge korrigiert werden musste, wofür sie der Markt mit einem Minus von 12% abstraft. Ich habe daraufhin nachgekauft, zehn Aktien, wie immer, diesmal für rund 190€. Warum ich das tue und keine Angst vor dem „Fallenden Messer“ oder dem „Melting Icecube“ habe? Mir erscheinen die Zahlen insgesamt nicht so katastrophal, die Aussichten erst recht nicht – und ich denke, die Aktie gehört derzeit unabhängig von Meldungen perse zu den Ungeliebten, weil: falsches Segment. Der Markt hat gerade keinen Bock auf Nachhaltigkeit, hält ESG insgesamt für renditeschädlich. Was abzuwarten bleibt. Nebenbei verdeutlicht es doch einmal mehr, dass „Mr. Market“ kein Superbrain ist und sich im Grunde null für die Zukunft interessiert, sondern kontinuierlich nur die täglichen Launen einpreist.
Market Sentiment: Greedy.
Mein Sentiment: Genervt.
Vor allem von der Berichterstattung.
Die Sau, die weiterhin durchs Dorf getrieben wird, heißt Roaring Kitty. Klar, ist die Rückkehr der Meme-Aktien ein gefundenes Fressen. Überall wird berichtet. Aber wie! Ich bin völlig entsetzt, auf welche Weise „Alles auf Aktien“ das Thema heute aufbereitet hat, nachdem es gestern nur kurz angesprochen worden war. Im Podcast der Welt-Redaktion will ein Team aus Wirtschafts- und Finanzjournalisten angeblich „wertvolle Tipps für eine erfolgreiche Geldanlage“ liefern. Die Berichterstattung rund um GameStop erfolgte allerdings in einer Tonalität, die Privatanleger regelrecht zum Zocken anstiftet, vor allem als am Ende noch voller Stolz die Zuschrift des glücklichen Hörers Jonas präsentiert wird: „Bin durch euer Briefing gestern wieder auf GameStop aufmerksam geworden und darf jetzt einen Urlaub buchen mit Budget von 1.200€. War ein wilder Ritt und besten Dank dafür.“
Vor Verlesung des Hörerkommentars war bereits von Novavax und dem riesigen Kursanstieg der vergangenen Tage die Rede gewesen und die „Chance, dass es doch nochmal was werden kann mit der Aktie“ in Aussicht gestellt. Denn diese sei seit dem Sanofi-Deal deutlich gestiegen. Wenn das, trotz Risikohinweis, keine Anleitung zum Zocken ist, was dann?
„Alles auf Aktien“, eigentlich eine gute Möglichkeit, sich kompakt über die Ereignisse des Vortags zu informieren, fällt mir zunehmend negativ auf. Im „Thema des Tages“ oder in der „TrippleA-Idee“ werden Begehrlichkeiten nach „Gewinneraktien“ geweckt und Hörerinnen und Hörer mit Tipps auf risikoreiche Turnaround-Aktien versorgt oder in Themen-ETFs mit hohem Risiko hineingetrieben, samt konkret ausgewählten WKNs (Product Placement!) in den Shownotes. Da können die Macher hundertmal betonen, es handele sich „nur um Gedanken und Ideen“ und keinesfalls um Anlageempfehlungen. Ich frage mich, ob diese Menschen so tief in ihrer Bubble stecken, dass sie gar nicht mehr merken, was sie da veranstalten und dass ihr Tun wenig mit Journalismus gemein hat. Womöglich ist das Heißmachen auf schnelle Gewinne aber auch ein kalkuliertes Tool des Spinger-Verlag-Ablegers. Die Schlagzeilen, mit denen der Podcast täglich aufmacht, haben zweifellos Bild-Zeitungs-Niveau.
Es wäre interessant, wie viele der „treuen AAA-Hörerinnen und Hörer“ nach der Empfehlung, die angeblich keine war, bei Novavax oder Gamestop eingestiegen sind.
Am Ende des Tages: Gamestop -35%. Schade für die, die nicht so viel Glück beim Timing hatten wie „Hörer Jonas“ und statt einen Urlaub zu gewinnen ein Drittel ihres Urlaubsgeldes verzockt haben. Und womöglich die ganze schöne Reise, wenn die Aktie morgen weiter fällt.
Mal sehen, wie der Wahnsinn weiter geht. Mir bestimmt weiter auf den Keks.