Superbrain sucks.

Der Markt ist lächerlich. Genau das dachte ich gerade mit Blick auf meine – ja, krass: 175 Werte – Watchlist. Es kam mir einfach so in den Sinn, ohne darüber nachzudenken, wie so eine Aussage wohl bei Experten und Börsenkennern ankommen würde.

Die Watchlist, bei der mir der Gedanke kam, ist nur eine von vielen Watchlists und Musterdepots, die ich angelegt habe und verfolge. Ich bin manisch, gar keine Frage. Aber ich sehe im Beobachten der zappelnden Zahlen eine tägliche Übung, sich zu vergegenwärtigen, dass der Markt weder ein Superbrain sein kann, noch irgendwie „übermenschlich“ und gar weise, wie man es bei einem erwarten würde, der angeblich klüger sei als alle anderen. Der Markt macht das, was er eben macht, zappeln, nach Lust und Laune. Die Tagesnachrichten sind das eine, die Reaktionen darauf etwas anderes. Zwar vollführen Heerscharen sogenannter Experten, Analysten und Journalisten tagtäglich das Kunststück zu erklären, was abgeht, aber eben nur rückwirkend. Taschenspielerei als Wissenschaft. Überprüfen kann die Aussagen sowieso niemand, da sie sich nahe am Kaffeesatzlesen bewegen – und das Geschwätz von heute schon morgen niemanden mehr interessiert. So gesehen ist nicht nur der Markt, sondern der komplette Apparat um ihn herum irgendwie lächerlich. Außer natürlich zur Unterhaltung. Die tägliche Berichterstattung ist ein Gesellschaftsspiel zum Zeitvertreib.

Denn was passiert denn Tag für Tag? Das Superbrain schlingert stundenlang hin und her, mal träge, mal panisch, vollführt seine Ausschläge vor und zurück, je nachdem, wer gerade was sagt. Seit Wochen beobachte ich meine Depots und die diversen Listen mit demselben Eindruck: Die Bewegungen sind groß, aber es geht nichts voran. Was heute steigt, fällt morgen wieder – und umgekehrt. Der Markt bewegt sich seitwärts, die Berichterstattung überschlägt sich trotzdem.

An einem Tag wird „Rohstoffe“ gerufen, am nächsten wieder einmal „KI“ und nebenbei wird unermüdlich das beliebte Zinserhöhungs-Zinssenkungs-Fingerhakeln auf dem Rücken der zehnjährigen Staatsanleihen ausgetragen. Dazwischen Quartalszahlen, mal besser, mal schlechter als erwartet. Dazu die täglich wechselnde Bewertung der geopolitischen Lage, der Wirtschaftsdaten, der US-Staatsschulden, des Einflusses der bevorstehenden US-Wahlen auf die Aktienkurse, das Konjunktur-Roulette in China und noch ein paar andere Faktoren, die im Grunde austauschbar sind.

Es ist wahrscheinlich einigermaßen belächelnswert, wenn das Dumme Geld sich wagt, den Markt lächerlich zu nennen. Aber was ist es denn sonst?! Infineon, gerade noch das Kellerkind, nach schlechten Zahlen innerhalb weniger Stunden 13% rauf. Und auch Varta, mein wegoperierter Depottumor, hangelt sich momentan täglich +5% weiter nach oben. Alles getrieben, durch irgendwelche möglicherweise(!!) gewinnbringenden Vorhaben, die die Unternehmen verbal in Aussicht stellen. Irgendwas mit KI wahrscheinlich, und viel heiße Luft.

Momentan bin ich müde, ja gelangweilt, von der Lächerlichkeit des Marktes. Und diese Müdigkeit ist gut. Sie ist die beste Voraussetzung für ruhige Tage. Und die genieße ich derzeit. Verbunden mit der Hoffnung, dass es so bleibt, zumindest bis auf weiteres.

Als ich am 23. April über mein FOMOfree for Life-Gefühl schrieb, waren die Märkte nach einer Korrektur, die aufgrund schlechter Zahlen von Meta und ASML sowie neuer Zinsangst ein paar Tage angehalten hatte, wieder auf dem aufsteigenden Ast unterwegs gewesen. Seitdem gab es viel Hüh und Hott quer durch alle Branchen, inklusive eines kurzfristigen Einbruchs beim Bitcoin. Mittlerweile hat sich die Kryptowährung erholt und die Börse ist insgesamt wieder dort angekommen, wo sie sich vor der Abwärtsbewegung Mitte April befand.

Ich habe in dieser Zeit ein paar überschaubare Nachkäufe getätigt (Neste, Aurubis) und drei Positionen neu etabliert: Johnson & Johnson (2000), Snowflake (1500) und Comcast (1000) . Außerdem bin ich mit insgesamt 1.250€ wieder neu in Bitcoin eingestiegen. All diese Invests, insgesamt immerhin nahezu 6.000€, habe ich ohne große Aufgeregtheit oder Erwartung an schnelle Erfolge getätigt, dafür nach Recherche mit bestmöglicher Überzeugung auf mittlere bis lange Sicht.

Ich freue mich so sehr, wie gut es sich anfühlt: dieses rational empfundene Handeln.

„Rational empfunden“ nenne ich es deshalb, weil es keine wirklich rationalen, im Sinne von gesicherten Entscheidungen und Handlungen an der Börse gibt. Was die Entwicklung von Einzelwerten angeht, und seien sie noch so vernünftig und durchdacht ausgewählt, gilt am Ende doch: Der Markt hat immer Recht. Nämlich auch: Wenn er nicht Recht hat. Und Letzteres ist, auch wenn das als Börsenweisheit niemals akzeptiert würde: einigermaßen lächerlich.

Von Adidas… bis Zoom, ein Traum in Rot und Grün.

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