Angst vor der Gier.

Wieder mal den Punkt erreicht. Der Punkt, an dem die Börse mich seelisch und mental ruiniert. Der Punkt, an dem ich nachts aufwache und grübele, was verdammt nochmal tun soll. Wie ich aktiv werden kann (muss, soll), um meinen Teil vom Rally-Kuchen abzubekommen. Ob ich darauf setze, kurzfristig noch einzusteigen zu sein, ganz egal mit welchen Aktien, Hauptsache irgendwie. Irgendwie dabei sein, auf den letzten Drücker. Oder ob es gar nicht der letzte Drücker ist, sondern erst der Anfang von einem Anstieg, der in der zweiten Jahreshälfte weitergeht. Wenn dies der Fall ist (wäre), müsste (sollte, könnte) ich mir die Aktien, die ich (wieder) haben will (z.B. L’Oreal, Deere, Siemens) genau jetzt „sichern“, bevor sie noch teurer werden. Oder ich sollte (müsste, könnte) anfangen, in die Bereiche zu investieren, die ich für zukunftsevident (gewinnbringend für mich) halte (Wasser, CyberSecurity, Infrastructure). Disclaimer: KI lasse ich absichtlich weg, der Zug scheint mir vorerst abgefahren.

Ich spüre derzeit einen Kaufdruck, der sich auf irrationale Weise existentiell anfühlt. Nochmal anders gesagt: ein Druck als würde Nichtkaufen meine finanzielle Zukunft bedrohen. Irre, ich weiß. Aber so ist es. Und gleichzeitig denke ich: Warum sollte ich das tun, jetzt einsteigen und mitziehen, wenn ich selbst diese Rally weder verstehe noch an deren „Echtheit“ glaube und einen erneuten Absturz erwarte…

Da bin ich nun also wieder an dem Punkt angelangt, den ich bestens kenne, einerseits FOMO, andererseits fette Verlustangst und die Angst vor der Wiederholung der Wiederholung von all dem Schmerz, den ich erlebt habe. Der Schmerz des falschen Einstiegs.

Die Seite der Vernunft, redet unterdessen beschwichtigend auf mich ein: Du übertreibst. Calm down. Deine finanzielle Zukunft ist durch das Verpassen von Gewinnen nicht bedroht. Wenn du jetzt nichts tust, schützt dich das womöglich vor Verlusten, die dabei entstehen, wenn man einer Rally hinterherläuft. Du brauchst Abstand.

Ich wäre froh, wenn mir das gelänge, Abstand zu nehmen. Ich versuche es. Jeder Tag, an dem ich nichts kaufe, ist ein guter Tag. (Denke ich.) Genauso gut ist es, mir Verkäufe zu verkneifen. Bei den China-ETFs war ich schon ein paar Mal nah dran, sie im Affekt rauszuschmeißen. Heute steigen sie. Ich will Ruhe bewahren und zur Abwechslung mal so lange durchhalten, bis sich tatsächlich sagen lässt, ob meine These von der Erholung chinesischer Aktien aufgeht.

Während ich also seit Tagen broke bin, unausgeschlafen und dünnhäutig, voller Selbstzweifel, tobt die Rally wie bekloppt, auch, weil die Earnings bislang überwiegend positiv ausfallen und die Analysten sich mit Hochstufungen überbieten. Und ich? Mit jedem Tag wünsche ich mir einen Crash mehr herbei. Ich will fallende Kurse sehen, obwohl meine Depots dann mit Baden gehen. Das Gefühl ist einigermaßen absurd, das gebe ich zu. Aber so ist es. Ich bin gierig nach fallenden Kursen und habe Angst vor weiter steigenden. Denn jeder neue Tag mit steigenden Kursen fühlt sich wie ein persönliches Scheitern an.

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