An der Börse ist oft von „Sektor-Rotation“ die Rede. Das sind Phasen, in denen immer mehr Anleger die Ausrichtung ihrer Investments in gleicher Weise ändern.
„Abwechselnde Bevorzugung der Aktien bestimmter Branchen an der Börse. Wenn die Aktien einer Branche bereits stark gestiegen sind, rücken oft die einer anderen in den Mittelpunkt des Anlegerinteresses, weil man diesen noch zusätzliches Kurspotential zutraut. Auch politische Entwicklungen und Veränderungen des Zinsniveaus können eine Sektor-Rotation auslösen.“
Comdirect Finanzwissen
Momentan sieht es so aus, als würde nach den vom KI-Hype getriebenen Wochen der Techwerte wieder ein Schwenk in die sogenannten defensiven Werte stattfinden. Aber ausgemacht ist die Sache noch nicht. Denn die Unternehmen aus dem Bereich „Consumer Staples“, also Markenartikler wie Unilever, Colgate, Coca Cola, L’Oreal, Mondelez & Co., die in den vergangenen Wochen die Preise für Lebensmittel, Pflege- und Hygieneprodukte lustig anheben konnten, um die Umsätze zu bewahren oder gar zu steigern, könnten mittlerweile an der Belastungsgrenze der Händler und Endverbraucher angekommen sein. Mir erscheinen diese Werte damit genauso wenig als sichere Bank zu taugen wie die Banken selbst, die momentan ziemlich abkacken.
Aber es ist wie es immer ist: Ich weiß, das ich nichts weiß.
Und nicht nur ich, alle, auch wenn Journalisten und Finfluencer trotzdem so tun.
Während ich also nicht weiß, wohin der Markt rotiert und ob überhaupt, kann ich an mir eine Mind Set Rotation klar erkennen. In den vergangenen Wochen ist es mir gelungen, einen psychologischen Bias zu knacken. Es gelingt mir nämlich neuerdings zu verkaufen, bevor es zu spät ist. Und das, weil ich einen derben Fehler in meinem Denkmuster entlarvt habe.
Bislang ist es mir in Phasen der Euphorie regelmäßig folgendermaßen passiert: Am Peak (von dem man in dem Moment noch nicht weiß, dass er es ist) habe ich auf Gewinne geschaut, die oft ganz gut waren, in der Erwartung, so würde es weitergehen. Befeuert wurde die Hoffnung von den zunehmend positiven Einschätzungen der sogenannten Experten. Als sich der Wind dann drehte, meist innerhalb kürzester Zeit, sah ich dabei zu, wie die Gewinne sich von einem Tag auf den nächsten kontinuierlich reduzierten, zum Teil rasant. Der Frust, nicht rechtzeitig verkauft zu haben, machte mich nicht nur wütend, sondern lähmte mich regelrecht und hielt mich davon ab, die Aktien wenigstens mit dem geschrumpften, aber immerhin noch(!) verbliebenen(!) Gewinn loszuschlagen. Der Bias, dem ich erlag, bestand darin, zu hoffen, der Markt würde am jeweils nächsten Tag wieder in die Aufwärtsbewegung kommen. Was ja durchaus möglich ist, aber eben nur eine Hoffnung war. Mehrfach kam es dann so, dass die Kurse sich weiter nach unten bewegten, ich nicht nur ins Minus rutschte, sondern die Buchverluste wuchsen und wuchsen. Der Eintritt in den zweistelligen Bereich war dann stets der Moment, in dem ich mich entschied, das Debakel notgedrungen auszusitzen, eher aus Verzweiflung als aus Überzeugung. Es hat zwar häufig geklappt, dass Kurse wieder stiegen und ich eine zweite Chance zum Ausstieg bekam, aber in die Situation des Aussitzens möchte ich nur noch mit Aktien kommen, die ich aus Überzeugung halte und nicht bei denen, die ich als kurzfristige Spekulation ins Depot gelegt habe.
Neuerdings gelingt es mir, den geschrumpften Gewinn zu realisieren. Immerhin! Mein oberstes Gebot lautet: Risk off und Kapitalerhalt. Auch auf die Gefahr hin, dass mir Gewinne entgehen, wenn der Markt nach dem Verkauf doch wieder steigt. Was ich nach wie vor schwer ertrage. Zusehen, wie Aktien steigen, die ich gerade noch hatte, ist schmerzhaft.
Nach meinem großen Ausverkauf am Mittwoch habe ich mich heute vom Japan-ETF getrennt. Die neu entfachten Zinssorgen in den USA belasten nämlich auch die asiatischen Märkte, der Nikkei heute dunkelrot. Blöd, dass ich gestern für 1000 Euro Fanuc re-buyed habe, die dann heute Morgen beinahe 4% im Minus waren. Da ich an den japanischen Roboter-Giganten jedoch glaube, habe ich in die Schwäche hinein gekauft, 16 Anteile für rund 500€, und wenn der Kurs noch weiter fällt, kaufe ich nochmal. Auch, wenn Japan sich nach der starken Rally seit Jahresanfang vorerst rückläufig bewegen sollte, was kein Wunder wäre und ich beim Einstieg bereits befürchtet hatte, so glaube ich doch stark an Fanuc. Roboter werden unsere Welt in Zukunft nicht mehr nur in Fabriken bestimmen. Eine Freundin erzählte neulich von einem Restaurantbesuch, wo ein Roboter die Getränke an den Tisch brachte. Und das in dörflicher Gegend. Soviel dazu.
Außer Fanuc habe ich noch Carl Zeiss Medical und Daimler Trucks aufgestockt. Zwei meiner Werte aus dem Buy&Hold-Depot bei S Broker, das ich auch gerne „die Ursuppe“ nenne. Weiterhin im Depot bleibt Danaher, während ich mich von Merck und Johnson & Johnson getrennt habe. Danaher ist heute gestiegen. Die Trucks übrigens auch. Und Zeiss hat sich zumindest nicht nennenswerte weiter reduziert. Insgesamt bin ich an diesem roten Tag tatsächlich mit meiner Performance sehr zufrieden, vor allem psychologisch.