Wahnsinn. Ich muss es mir eingestehen: Der Rückfall ist da. Gedanken an die Börse, rund um die Uhr. Was gerade abgeht, was ich tun soll, wie ich profitieren kann, wie ich endlich dabei bin bei den schnellen Gewinnen… Ich kann mich kaum auf etwas anderes konzentrieren. Bislang (zum Glück…) ohne selbst zu handeln. Bloß wie lange noch?
Es gibt kaum jemanden, mit dem ich über die Börse reden kann. Einmal die Woche beim Dinner mit meinem Sohn wenigstens über Allgemeines, über meine Gefühle allerdings weniger.
Mein Freund will gar nichts mehr von Aktien wissen, mit ihm kann ich nicht reden, schon gar nicht über die Suchtkomponente. Was mir ihm gegenüber ehrlich gesagt ohnehin schwer fällt. Sobald ich in der Richtung etwas erzähle, winkt er ab und entgegnet mit einem halb genervt, halb vorwurfsvollen Ton, ich solle es einfach endlich sein lassen mit der Börse.
Selbst hat er letztes Jahr viel Geld in den Sand gesetzt, weil er im Hoch zum Jahreswechsel 21/22 gierig gekauft hat, um dabei zu sein, unter anderem hohe Beträge auf spekulative Werte gesetzt hat, und dann im Tech-Crash Anfang des Jahres und im Ukraine-Crash im Februar durch Panikverkäufe erhebliche Verluste realisiert hat. Angetrieben von „Extreme Feer“ gingen innerhalb weniger Minuten große Beträge in Rauch auf. Bereits in der 2000er Dot-Com-Bubble hat er Geld verloren. Vor anderthalb Jahren nun der zweite Versuch – und abermals gescheitert. Es ist verständlich, dass er von Aktien nichts mehr wissen will
Wenn ich anfange, etwas von meinen Aktivitäten zu erzählen, ganz sachlich, so als erzähle ich von der Arbeit, geht er kaum darauf ein und wenn ich gestehe, dass es mir mit diesem oder jenem Invest schlecht geht, bügelt er mich ab, wie eingangs bereits erwähnt, nach dem Motto: Warum machst du immer weiter, wenn es dich doch bloß runterzieht? (Das frage ich mich oft natürlich selbst.) Weiter findet er: Die Börse sei doch allgemein Scheiße, bringe nichts, schon gar nicht momentan, da es wieder Zinsen gibt und das ganz ohne Risiko.
Aufhören. Als ob das so einfach wäre! Und wäre es denn wirklich sinnvoll? Die Börse übt eine Faszination auf mich auf, wie schon lange nichts mehr. Ich lerne jeden Tag dazu, mikro, makro, noch nie habe ich mich so für Wirtschaft, Unternehmen und Geopolitik interessiert. In den Kapitalmärkten bildet sich die ganze Welt ab. Und die Entwicklungen verfolge ich Tag für Tag. Die Börse umtreibt mich mit allem drum und dran. Ich will diese neue Leidenschaft, die ungeplant in mein Leben getreten ist, und mich unerwartet erfüllt, nicht aufgeben. Die Börse bewegt und vitalisiert mich. Fakt ist jedoch: Ich muss einen Weg im Umgang finden, mit den negativen Gefühlen umzugehen, anders handeln, bedachter und weniger risikoreich, und die alltäglichen Schwankungen und den ganzen Lärm nicht so nah an mich heranlassen. Leichter gesagt als getan, ist klar. Aber das Ganze komplett sein zu lassen, wäre die falsche Konsequenz.