Aushalten als Challenge.

Gewinnangst. Gibt es das auch?
Der Begriff ist etwas irreführend. Gemeint ist, das Verkaufen von Aktien knapp unter Einstandspreis, nur um sie loszuwerden, getrieben von der Angst, dass es kurz darauf wieder abwärts damit geht und die Chance vertan ist.

Es ist 14:30 MEZ. Ich bin mit dem gesamten Zero-Depot nur 1.13 %, in Euro 100, im Minus bei einem Invest von 9000 Euro. Die könnte ich aus dem Markt holen. Jetzt. Die 6000-Euro-Position Berkshire Hathaway bei scalable ist in diesem Moment auch nur 100 Euro im Minus. Das heißt mit 200 Euro Einsatz könnte ich 15.000 Euro aus dem Markt holen. So wie es mein am Jahresanfang ausgerufener Plan vorsieht: „Loswerden, was geht.“ Natürlich steht zu dieser Parole im Widerspruch, dass ich seitdem einige Käufe getätigt habe. Allerdings habe ich alle unter der Maßgabe eines durchdachten Handelns getätigt. Es waren keine Impulskäufe, sondern bedachte Investments mit Krisenfestigkeit und sie waren im Ursprung auf eine längere Haltedauer ausgelegt.

Dennoch: Ein erneuter Abverkauf ist in Anbetracht meiner Grundeinschätzung, dass die Märkte in absehbarer Zeit nochmals deutlich nachgeben werden, eine naheliegende Entscheidung. Die Frage ist nur: Ist jetzt schon der richtige Zeitpunkt? Oder verhagele ich mir Gewinne, die in den kommenden Tagen möglich sein können. So oft schon habe ich voreilig verkauft, anschließend steigende Aktien gesehen und nun überlege ich, ob ich mich, basierend auf dieser mehrmaligen Erfahrung, diesmal gedulden sollte. Zumal es sich überwiegend um defensive Aktien handelt, die womöglich von einer Rückkehr der Verunsicherung in der Safe-Haven-Kategorie sogar profitieren könnten…

Round about 16/17 Uhr. Die Märkte sacken mächtig ab. Alles rot. Aus den 200 Euro im Minus sind 450 geworden. Eine Mischung von schlechten Nachrichten von US-Regionalbanken und Konjunkturdaten ziehen Aktien abwärts, vor allem Tech-Momentum-Werte, aber auch den breiten Markt. Was vormittags so schön aussah in meinem Depot, wird abgegeben, dreht zum Teil ins Minus. Ich spüre die Angst, aber ich gebe ihr nicht nach. Diesmal bleiben meine Finger weg vom Verkaufsknopf. Und sogar im Gegenteil: Ich kaufe FMC Corp., ein Unternehmen der Agrarwirtschaft, das ich schon lange auf der Agenda habe, zu einem Preis, den ich mir mal gesetzt habe. 10 x 104 Euro. Ich kaufe, obwohl ich Angst habe, weil da ein Zutrauen in mir ist, dass es ein guter Preis ist.

Zum Abend beruhigt sich die Lage wieder. Ich bin stolz auf mich. Am Mittag hätte ich Verluste realisiert, die nun schon wieder ausgeglichen sind. Morgen ist FED-Tag, aber ich glaube, dass die Überraschungen im Negativen weniger wahrscheinlich sind als umgekehrt. Meine Aktien (abseits derer im Techlabor, das ich mittlerweile gerne „Leichenschauhaus“ nenne), sind gut gewählt, um in der Krise nicht komplett baden zu gehen. Ich halte das jetzt aus. Punkt.

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