„Viele Anleger taumeln schlafwandelnd in den nächsten Ausverkauf.“
Michael Hartnett, Bank of America
Da sitze ich also, einen Tag und noch einen Tag, in Erwartung, dass die Stimmung kippt. So sie Michael Harnett von der Bank of Amerika, oder auch Marko Kolanovic von Morgan Stanley, der immer wieder rät „Sell the Rally“, weil er überzeugt ist, dass das Pendel irgendwann in die andere Richtung schwingen wird. Doch das Gegenteil ist der Fall. Inzwischen fühle ich mich regelrecht verarscht. Entweder von den Erlebnissen in 2022, als bei jedem kleinsten Abweichen von US-Arbeitsmarktdaten oder Zinsvorhersagen der Markt in sich zusammenbrach oder von dem, was gerade abgeht, wo jede schlechte Nachricht positiv interpretiert wird und die Bullen jeden Zweifel niedertrampeln.
Hin und her gerissen zwischen den Warnungen der Experten und den Alarmglocken, die in meinem Kopf schrillen auf der einen Seite und den Märkten, die von ein paar harmlosen Korrekturschnörkeln abgesehen weiterhin nach oben streben. Mittlerweile sind sogar Markus Kochs Kommentare eher bullish ausgerichtet. Manchmal denke ich an die Börsenweisheit, dass es letztendlich die Märkte sind, die recht haben. Haben die Märkte recht? Nein, ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Klar, was weiß ich schon! Nur, worauf soll ich mich sonst verlassen, als auf den Konsens meiner eigenen, wenn auch laienhaften Einschätzungen. Wenn ich eine Erfahrung gemacht habe in den vergangenen fünfzehn Monaten, dann die, dass die Börsenberichterstattung für jede Entwicklung eine Erklärung findet. Ob bullish oder bearish geprägt, hängt von der aktuellen Gesamtstimmung ab. Im Nachhinein betrachtet, erweisen sich die Einordnungen oft als Trugschluss. Aber das interessiert dann niemanden mehr. Für Fehleinschätzungen muss sich kein Finanzjournalist rechtfertigen, geschweige denn, Verantwortung übernehmen. Dafür gibt es ja die Warnhinweise. Alles, was man den ganzen Tag aufs Ohr gequatscht bekommt, ist „keine Anlageberatung… keine… zum Kauf oder Verkauf“ bla bla bla, man übernimmt für Verluste keine Haftung. Der gute Bafin-Hinweis darf nicht fehlen. Den einfach hinterherschicken und alles darf in die Welt des Dummen Geldes hinausposaunt werden. Alles Spekulation, auf die niemand festgenagelt werden kann.
So bleibt nur die eigene Urteilskraft, das persönliche Fazit als fadenscheinige Wahrheit, so laienhaft, naiv und halbgebildet sie sein mag. Und bezogen auf die aktuelle Lage denke ich: Der Markt übertreibt. Die Anleger wollen auf Teufel komm‘ raus einen Bullenmarkts und ignorieren die negativen Meldungen. Genauso wie sie kurz zuvor im Tal der Tränen jede kleinste Negativmeldung zusätzlich zum Anlass für Verkäufe genommen haben. Derzeit ist Fomo is in the house. Aber die Erkenntnis, dass die Party übertrieben ist, steht bevor. Die Märkte haben solange recht, bis sie nicht mehr recht haben. Dann kommt die Gegenbewegung. Bis die Rechthaberei wieder hergestellt ist. Ende meiner Einschätzung.
In diesem Sinne gehe ich für heute raus, 17:30, mache ich zur Abwechselung mal gemeinsam mit Xetra Schluss. Schluss mit dem mehr grün als roten Blingbling. Soll der Markt ohne mich steil gehen.