Silvester. Zeit für den Kassensturz.
Die Buchverluste 2022 betragen am letzten Tag des Jahres 23% der von mir insgesamt investierten 70.000 Euro, in Zahlen: rund 16.000 Euro.
Will heißen: rund ein Viertel meines investieren Geldes ist aktuell weg.
Gone.
Schornstein.
Buchverluste sind Verluste, die zum jeweiligen Zeitpunkt „nur auf dem Papier“ existieren. Die Situation kann sich wieder ändern, die Kurse können steigen, der Verlust wird ausgeglichen und sich zum Gewinn entwickeln. So ist Börse, dessen muss sich jeder Anleger bewusst sein. Höhen und Tiefen. Und trotzdem fühlt es sich jetzt, in dieser Situation, extrem beängstigend an. Ich war auf die Tatsache vorbereitet, aber nicht darauf, wie es sich tatsächlich anfühlt.
Übertragen auf mein Gesamtbudget von 100.000€ beträgt der Verlust prozentual „nur“ 17%, denn 30.000 Euro des Vermögens halte ich derzeit in Cash. Die absolute Zahl von 16.000 Euro Verlust kann die prozentuale Betrachtung aber nicht mildern.
Im April 2022 war ich zwischenzeitlich mit rund 90.000 investiert. Nach dem Ukraine-Crash Ende Februar ging es im März wieder bergauf und ich kaufte mich mit naivem Mut und einem durch den Konsum von zahlreichen Podcasts angefeuerten Eifer quer durch die Sektoren. Vor allem Tech hatte es mir angetan, noch mehr die kleinen, vielversprechende Momentum-Tech, die von Finfluencer gerne präsentiert werden. Wegen der großen Gewinnchancen! (Ha, ha.) Nur als Tipp natürlich und nicht als Anlageempfehlung. Worte, mit denen sie sich komplett aus der Verantwortung nehmen.
Der Markt lief nach der Bärenmarktrally, in die ich eingestiegen war, kontinuierlich nach unten. Irgendwie habe ich es Anfang Mai in einem zwischenzeitlichen Aufwärtstrend dann geschafft, ohne allzu große Verluste eine beachtliche Anzahl von Aktienpositionen wieder loszuwerden und runter auf 65.000 runterzukommen.
Im fortlaufenden Jahr keimte innerhalb zwei weiterer Bärenmarktrallys im August und November erneut die Hoffnung auf Bodenbildung auf. Ich kaufte. Die Hoffnungen bestätigten sich nicht. Ich verkaufte. Gewinne machten Verluste wett. Ein Nullsummenspiel in ewiger Schleife und unendlich viele Nerven, die mich das kostete.
Nun stehe ich am Jahresende bei 70.000 Euro Investition mit 16.600 Buchverlusten und 880 Euro realisiertem Verlust da. Eigentlich sollte ich zufrieden sein. Bei meinem naiven, Risiko-affinen Handeln hätte es mich weiß Gott mehr zerreissen können. Ein Freund mit 100.000 Euro Einsatz im Topf hat im Sog einer Panikreaktion in den ersten Kriegstagen 15.000 Euro Verlust realisiert um 85.000 Euro zu sichern. 15.000 Euro, die nun nicht nur „im Buch“ sondern ganz real weg sind, so genannte realisierte Verluste. Kurz vor einer solchen „Rettungs-Aktion“ war ich auch – und nicht nur einmal. Ich weiß gar nicht, woher ich den Mut zum Aussitzen hatte.
Dennoch ist es frustrierend zum Kassensturz am Jahresende auf dieses fette Minus im Buch zu blicken. Von 20 Aktien und 8 ETFs in meinen Depots befindet kein einziger fucking Wert im Plus.
Nichts Grünes weit und breit, nur rot. Wirklich. Ausschließlich. Rote Zahlen.
Dabei habe ich gar nicht alles falsch gemacht, sondern gerade am Anfang einiges richtig. Als ich mein Depot aufsetzte, habe ich ich breit gestreut in ETFs investiert und bei Einzelwerten hauptsächlich auf Traditionsunternehmen gesetzt. Unilever, Allianz, Johnson & Johnson, Daimler Trucks, Adidas etc. Nur einen kleinen Anteil habe ich riskant angelegt: Fiverr, Square (jetzt: Block), Abo Wind, HelloFresh. Hochriskant unendlich naiv in Atmofizer, einem Hersteller für Luftreiniger, von dem ich mir in Zeiten von Corona tolle Chancen erhoffte.
Fakt ist jedoch: Ich bin viel zu blauäugig an die ganze Sache herangegangen. Das ich innerhalb des Jahres mein Gesamtinvestment reduzieren konnte, wirkt erstmal beruhigend, egal wie es weitergeht. Und dass auch professionell gemanagte Fonds, wie etwa „Multiple Opportunities“ von Flossbach von Storch, aktuell ebenso hohe Buchverluste vorzuweisen haben, tröstet immerhin ein bisschen. Das smarte Geld wurde von den Ereignissen des Jahres und dem extrem unberechenbaren Markt genauso eiskalt erwischt wie das dumme Geld. Nicht nur Aktien, auch Anleihen sind abgeschmiert und Gold hat ebenfalls nichts rausgerissen. Wie oft hat Markus Koch gesagt, dass dieser Markt kaum zu navigieren ist! Und wie oft wurde von unterschiedlichsten Börsengurus folgende Aussage wiederholt: „Cash ist 2022 die einzige sichere Anlageklasse.“ Und das trotz Inflation!
Erschöpft, ausgelaugt und ernüchtert. Das ist mein Befinden nach einem Jahr Börse.